Einladung zur Veranstaltung – TRAUMATISIERUNG VON FUSSBALLFANS

31. Mai 2017 | 19 Uhr | Karl-Liebknecht-Stadion

Vor ungefähr einem Jahr, am 28. Mai 2016, spielte der SV Babelsberg 03 im Brandenburger Pokalfinale gegen den FSV 63 Luckenwalde. Hunderte Fans begleiteten ihr Team ins Werner-Seelenbinder-Stadion und unterstützen sie frenetisch. Nulldrei siegte und zog in die erste Runde des DFB-Pokal ein. Danach gab es kein Halten mehr. Das Team und die Fans wollten gemeinsam feiern. Dazu kam es allerdings nicht. Denn Beamte der Brandenburger Bereitschaftspolizei sowie Bundespolizisten beendeten die Feier durch den großflächigen Einsatz von Reizgas, sodass mindestens 150 Babelsberg-Fans teilweise schwer verletzt und mehrere Hundert traumatisiert wurden. Aus diesem Grund haben wir, der Fanbeirat, das Fanprojekt und der SV Babelsberg 03 uns entschieden, auf Initiative des Netzwerk repressionsbetroffener Nulldreier*innen (nur03*) am Mittwoch, dem 31. Mai 2017, eine Veranstaltung zum Thema „Traumatisierungen im Fußball“ zu organisieren.

Die Informations- und Diskussionsveranstaltung ist Teil der fortgesetzten Aufarbeitung der Ereignisse in Luckenwalde, die bislang in erster Linie von den Fans in Zusammenarbeit mit dem Fanprojekt Babelsberg geleistet wurde. Die gemeinsame Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung soll die Parteien zusammenführen, die Sensibilisierung der verschiedenen Interessen und Bedürfnisse ermöglichen und so eine respektvolle Zusammenarbeit gewährleisten. Hierbei sollen Informationen zu Traumatisierungen im Allgemeinen und in Zusammenhang mit Fußballfans im Besonderen erläutert sowie eine Diskussion zu psychologischen, sozialpädagogischen und das Sicherheitskonzept betreffende Handlungsoptionen geführt werden. Ziel ist es konstruktive Ansätze zur Wahrnehmung, Verarbeitung und Verhinderung von Traumatisierungen im Fußball zu entwickeln.

Unsere Gäste sind Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), der Psychologe und Traumaexperte Germar Wochatz aus Potsdam sowie Bastian Schlinck, Sozialarbeiter, bis vor kurzem beschäftigt beim Fanprojekt Babelsberg. Die Moderation übernimmt Max Hennig vom Fanbeirat des SV Babelsberg. Michael Gabriel ist Leiter der KOS. Er informiert uns über die Arbeit mit Fans und berichtet, in welchem Zusammenhang es zu Traumatisierungen von Fußballfans kommen kann. Darüber hinaus wird er erläutern, warum es wichtig ist, sich ernsthaft und umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen. Traumatisierungen von Fußballfans zu beschäftigen. Der Psychologe Germar Wochatz führt uns in das Thema Traumatisierungen im Allgemein ein. Er erläutert, wie es dazu kommen kann, wie sie erkannt werden können und was beim Umgang mit Traumatisierungen beachtet werden muss. Sebastian Schlinck war selbst Opfer der Polizeigewalt in Luckenwalde. Er wird stellvertretend für all die Betroffenen auf dem Podium sitzen, kann aber durch seine Funktion als ehemaliger Fanprojektmitarbeiter und seine Erfahrung auch Impulse für mögliche Ansätze zur Vermeidung von Traumatisierungen geben.

Zur Veranstaltung und zur gemeinsamen Diskussion sind alle betroffenen Babelsberg-Fans, Vereinsmitglieder und Vereinsoffizielle des SV Babelsberg 03 eingeladen. Selbstverständlich sind aber auch Fans anderer Vereine, Vertreter von Fan-Initiativen, Fan-Organisationen und Fan-Hilfen, Psychologen, Sozialpädagogen und Lehrer sowie Stadt- und Landespolitiker eingeladen, die sich in Sachen Inneres, Sicherheit und Behörden engagieren.

Ergänzend möchten wir an dieser Stelle ausdrücklich erklären, dass der Vorstand des SV Babelsberg 03, der Fanbeirat und auch das Fanprojekt es als seine Pflicht ansieht, die Mitglieder, Fans und Aktiven in ihrem Engagement für den Verein zu unterstützen und selbstverständlich für ihren Schutz sorgen zu wollen. Dementsprechend haben uns die Ereignisse in Luckenwalde tief erschüttert. Denn jeder und jede soll jedes Spiel des SVB – egal ob auswärts oder zu Hause – unversehrt erleben dürfen und sich bei jedem Spiel sicher fühlen können.

SV Babelsberg 03 | Fanbeirat Babelsberg | Fanprojekt Babelsberg

Die Wahlkommission informiert: Fanbeiratswahl verschoben

Die für den kommenden Samstag, den 20. Mai 2017, geplante Wahl eines neuen Fanbeirats muss aus technischen Gründen auf den August verschoben werden. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben. Durch die Verschiebung können sich auch noch weitere Personen zur Wahl stellen. Bewerbungen werden bis zum 15. Juli 2017 angenommen und sind per Mail an die Wahlkommission zu schicken (fanbeiratswahl_babelsberg{at}gmx.de). Bis ein neuer Fanbeirat gewählt ist, bleibt der bestehende im Amt.

Offener Brief zum Auswärtsspiel in Luckenwalde

Offener Brief des Fanbeirats

Am kommenden Sonntag, den 14. Mai 2017 tritt der SV Babelsberg sein vorletztes Punktspiel der Saison 2016/2017 beim FSV Luckenwalde im Werner- Seelenbinder Stadion an. Als Interessenvertretung der Fans des SV Babelsberg 03, muss der Fanbeirat feststellen, dass aus der Schande von Luckenwalde augenscheinlich nicht viel gelernt bzw wenig Verantwortung übernommen wird.Vor einem Jahr, als die beiden Teams im Finale des Landespokals aufeinander trafen, kam es nach Abpfiff des Spiel zu einem übermäßigen, unverhältnismäßigen und in keinster Weise zu entschuldigenden Polizeieinsatz. Die Folge waren Bewusstlose, über 100 zum Teil schwer und leichtverletzte Fans des SV Babelsberg 03, die eigentlich nur mit ihrem Team das gewonnene Finale feiern wollten.

Damals lag die Planung und Verantwortung für den Gästeblock beim SV Babelsberg 03. Für das kommende Punktspiel wird die Verantwortung beim gastgebenden Verein, dem FSV Luckenwalde liegen. Die aktuelle Planung und Durchführung des Spieltages zeigt das fehlende Verantwortungsbewusstsein ganz klar. Die Herangehensweise des FSV Luckenwalde ist derart unsensibel und wird vom Fanbeirat aufs Deutlichste kritisiert. Seitens des FSV Luckenwalde gab es bis zum heutigen Zeitpunkt noch keine Stellungsnahme zu den Vorkommnissen im Mai letzten Jahres.

Es gab bei den im Vorfeld stattfindenden Sicherheitsbesprechungen zum sonntäglichen Spiel keine Einbeziehung unseres Fanprojekts oder Fanbeirats. In den letzten Jahren ist es bisher immer gängige Praxis gewesen, dass Fanprojekt auch zu Sicherheitsbesprechungen bei Auswärtsspielen mit einzuladen und die Perspektive anzuhören, nicht so geschehen in Luckenwalde.

Wie wir nun dem Besprechungsprotokoll entnehmen müssen, wird an dem Spieltag eine übertriebene und rigide Sicherheitspolitik umgesetzt, welche eine eventuelle Retraumatisierung von Fans billigend in Kauf nimmt. Nicht nur, dass die Einlasssituation von Kräften der brandenburgischen Polizei unterstützt wird. Was bedeutet, dass die Fans bereits am Einlass mit der Situation konfrontiert werden, eventuell den Polizeikräften zu begegnen, welche ihnen massiv gewalttätig gegenüber getreten sind. Hinzu kommt, dass der herangezogene Ordnungsdienst von der Firma OSD gestellt wird. Jene Firma die auch in Cottbus den Sicherheitsdienst stellt und Vermutungen zulassen, dass auch “Fans” der aktiven Szene dort angestellt sind. In Anbetracht der vergangenen Erlebnisse beim Heimspiel des SV Babelsberg 03 gegen den FC Energie Cottbus, eine weitere fatale Entscheidung. Die Nulldrei Fans sind der weiteren Bedrohung ausgesetzt in den Reihen des Ordnungsdienst Personen anzutreffen, welche beim Heimspiel antisemitisch, rassistisch und gewaltbereit aufgetreten sind.

Dies sind nur wenige Punkte, die für uns den Eindruck entstehen lassen, dass die Sicherheitspolitik nicht deeskalierend sein will, sondern eher zu einer Eskalation beiträgt. Es ist unerklärlich warum nicht zu einer lückenlosen Aufarbeitung der Schande von Luckenwalde beigetragen wird, sondern stattdessen eine Retraumatisierung so leichtfertig hingenommen wird. Es wird für einige Fans ohnehin schwierig sein an den Ort zu kommen, an denen sie derartige Gewalterfahrungen machen mussten. Die bisherigen Sicherheitsanordnungen sind abgestumpft und tragen nicht zur Bewältigung der Ängste bei.

Wir fordern den FSV Luckenwalde dazu auf, das Sicherheitskonzept zu überdenken und schnellstmöglich zu handeln. Es gibt kein Anlass dafür eine Bedrohungskulisse aufzubauen oder ein Gefahrenpotenziel herauf zu beschwören. Es soll für alle Nulldrei Fans ein Angstfreies Spiel und Spieltagserlebnis werden.

Der Fanbeirat

Interview mit Christian Lippold zur „Schande von Luckenwalde“

Christian Lippold ist Mitglied des Vorstands von Nulldrei und seit 2014 Sicherheitsbeauftragter. Zuvor war er 11 Jahre Fanbeauftragter. Ein Jahr nach der „Schande von Luckenwalde“ traf sich der Fanbeirat mit Christian Lippold, um mit ihm über die Vorkommnisse am 28.05.2016 zu reden.

Christian Lippold, welche Aufgaben hat der Sicherheitsbeauftragte des SVB? Grundsätzlich ist der Sicherheitsbeauftragte eines Vereins für die saubere und problemfreie Abwicklung des Spieltags im eigenen Stadion zuständig. Das umfasst im Vorfeld die Kommunikation mit dem Gastverein im Hinblick auf erwartete Zuschauerzahlen, Abstimmung von Fanutensilien und generellen Fanbelangen sowohl mit den Vertretern des Gastvereins als auch den Fanvertretern der eigenen Fanszene, die Organisation von Personal (Ordnungsdienst, Kassenkräfte), die Abstimmung mit der Polizei und dem Verband. Am Spieltag gilt es dann, das Geplante umzusetzen, den Kontakt zu den einzelnen Protagonisten im Stadion zu halten und wenn nötig einzugreifen. Bei uns gestaltete sich dies anfangs etwas komplizierter, weil mit dem Abgang von Hartmut Streich auch der bis dato agierende Sicherheitsdienst Securitas „keinen Bock mehr auf uns hatte“ und damit auch der Einsatzleiter am Spieltag (Jens Müller) von einem Tag auf den anderen nicht mehr zur Verfügung stand. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren, aber der zeitliche Zusammenfall mit dem Wechsel des Sicherheitsbeauftragten ist ziemlich offensichtlich. Somit musste eine komplett neue Ordnungsgruppe initiiert werden, was wir als Chance nutzen wollten, die Mischung aus Vereins- und gewerblichen Ordnern aufzuheben und im Heimbereich fortan ausschließlich auf Vereinsordner zu setzen. Nach mittlerweile fast drei Jahren, kann ich sagen, dass ich mit der Umsetzung ziemlich zufrieden bin. Bei Auswärtsspielen stelle ich dem gastgebenden Verein die zu erwartenden Zuschauerzahlen zur Verfügung, was unter intensiver Abstimmung (u.a. Fanprojekt und Fanbeirat) erfolgt. Auch obliegt mir die Verantwortung, inwieweit wir Ordner mit zum Auswärtsspiel schicken.

Warum hat der SVB beim Pokalfinale die Verantwortung für den Gästeblock übernommen? Aus Ihrer Beschreibung klingt das nicht nach dem normalen Vorgehen? Das ist korrekt. Für die Absicherung des Gästeblockes ist immer und ausschließlich der Heimverein zuständig. Allerdings haben wir bereits im Punktspiel gegen Luckenwalde (wie auch schon zuvor einmal in Rathenow) eine Eigenverantwortung im Gästeblock übernommen. Bei Luckenwalde ist der Grund, dass dort für den Gästeblock standardmäßig Personal von OSD – dem Sicherheitsdienst von Energie Cottbus – geordert wird. Ohne den dort handelnden Personen etwas unterstellen zu wollen, sahen wir grundsätzlich die Gefahr, dass bei OSD eingesetzte Personen aus dem Ultra-Umfeld von Energie, vor dem Gästeblock agieren könnten. Dies wollten wir verhindern, was beim Punktspiel ja auch problemlos funktioniert hat.

Welche Verantwortung muss sich der SVB generell und vor Allem Sie sich selbst für die Geschehnisse in Luckenwalde zurechnen lassen? Wo sind von Ihnen Fehler gemacht worden? Grundsätzlich muss man sagen, dass bei uns im Vorstand jeder sein eigenes Fachgebiet „beackert“. Von daher muss ich alles, was mit dem Spiel direkt zu tun hat, auf meine Kappe nehmen. Und sicher gibt es im Nachhinein eine ganze Menge Dinge, die es zu hinterfragen gilt – was ich auch intensiv getan habe. Da wäre zum einen natürlich generell die Frage, inwieweit es sinnvoll war, bei einem Spiel, was allein aufgrund der Zuschauerzahl nicht mit dem Punktspiel vergleichbar war, die Absicherung des Gästeblockes zu übernehmen. Gerade im Hinblick auf die diffuse Gemengelage zwischen dem gastgebenden Verein, dem Verband und vor allem der Polizei hätte man auf eine Verantwortungsübernahme verzichten sollen. Auch weil wir dem FSV mehrfach angeboten hatten, das Spiel im Karli auszutragen. Eigentlich hat uns der Verlauf lange Recht gegeben, aber in der Gesamtbetrachtung muss ein Agieren auf fremden Terrain – gerade in Extremsituationen – als nicht zu verantworten eingeschätzt werden. Der sicherlich größte Fehler war, das Fanprojekt in der Spielvorbereitung außen vor zu lassen. Das war zwar kein bewusstes, sondern ein rein technisches Versäumnis, aber ich hätte die fehlende Kommunikation durch den FSV feststellen müssen. Auch wenn die Einschätzung des Verbandes hinsichtlich eines Platzsturm mit Hilfe des Fanprojektes auch nicht hätte geändert werden können, so hätte es zumindest eine bessere Vermittlung der Situation geben können. Die Frage selbst, ob wir als Verein mehr Druck auf den Verband hätten ausüben können, um ein abgesichertes Betreten des Spielfelds zu tolerieren, ist obsolet. Die Position war unumstößlich. Und auch, wenn es im Nachgang absurd klingen mag, das einzige, was wir in dieser Diskussion rausholen konnten, war, dass wir das Betreten des Platzes mit unseren Ordnern und nicht wie gefordert durch eine Polizeikette vor dem Block verhindern wollten. Das genau das im Endeffekt dann doch passiert ist, wird sicher von vielen als die wirkliche Schuld gesehen. Losgelöst betrachtet ist das auch so und ich hätte mich sicher deutlich weniger erklären müssen, wenn ich in dieser Situation anders, also gar nicht gehandelt hätte. Es wird niemals jemand aufklären können, wie es gekommen wäre, wenn ich nicht agiert hätte, daher kann ich nur immer wieder die Ausgangslage schildern, die zu der Entscheidung geführt hat. Inwieweit ein anderes Vorgehen ein weniger, vielleicht aber auch noch schlimmeres Resultat hervorgebracht hätte, muss jeder für sich selbst ausmachen. Fakt war, dass der Verband auch in der Halbzeitpause noch einmal auf Nachfrage der Polizei klargemacht hat, dass ein Betreten des Platzes mit allen Mitteln verhindert werden muss. So sehr wir auch darauf bestanden, dass wir die Situation ohne Polizeikräfte in den Griff bekommen wollten, so sicher war uns, dass sobald wir dies nicht schaffen würden, die an den diagonalen Mundlöchern postieren Bereitschaftskräfte eingreifen würden. Als sich nun zum Spielende abzeichnete, dass es doch vermehrt zum Betreten des Platzes kommen würde, war auch klar, dass wir diesbezüglich auch nicht mehr befragt werden würden. Daher war der Plan, einen Teil der Polizeikräfte sichtbar am Anfang der Gegengerade zu platzieren, um den Fans die drohenden Konsequenzen einer Platzbetretung zu verdeutlichen. Dass die Kommunikation in dem Moment ins Leere lief, weil der Zugführer sich weigerte auf mich zu reagieren und im Endeffekt entgegen meiner Aufforderungen nicht entspannt am Anfang des Blockes, sondern in Vollmontur direkt vor den feiernden Fans Stellung bezog, war neben der Frage, ob der Plan überhaupt Erfolgsaussichten hatte, dann auch noch in der Umsetzung eine Katastrophe. Aber ich hatte auch keine Ahnung, dass – sobald ich die Polizei mit ins Spiel nehme – ich meine eigene Hoheit vor dem Block verloren hatte. Das mag zwar für den polizeikritischen Fußballfan nicht überraschend sein, für mich – der ich im heimischen Karli ganz anders mit der Polizei kooperieren kann – aber schon. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war mein Handeln nur noch betäubtes Reagieren, hilflos und machtlos.

Entschuldigen Sie Sich dafür bei den verletzten und traumatisierten Fans? Natürlich bedauere ich es zutiefst, dass an diesem Tag eine extrem hohe Zahl an Unschuldigen direkt durch Gewalteinwirkung oder aber auch allein durch das Erlebte teilweise andauernden Schaden genommen haben. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass ich mit der Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen, ja genau das Gegenteil erreichen wollte. Und auch, wenn ich nicht weiß, zu welchem Ergebnis ein anderes Vorgehen geführt hätte, so muss ich mir doch die Tatsache, dass die Polizei direkt vor dem Gästeblock Stellung bezogen hat, grundsätzlich zurechnen lassen.

Steht der Verein bei der Aufarbeitung der Schande von Luckenwalde hinter seinen Fans? Wenn ich jetzt sage Ja, werden alle im Hinblick auf die gemeinsame Presserklärung abwinken. Ich meinte eigentlich, dass Archibald Horlitz in seinem Video-Interview mit Nulldrei-TV deutlich gemacht hat, was er mit dieser Stellungnahme erreichen wollte. Und auch, wenn der Aufschrei seitens der Fans verständlich ist und sein Plan im Hinblick auf den Innenausschuss nicht aufging, so muss man auch sagen, dass die Bereitschaft seitens der Polizei, die Vorkommnisse so intensiv zu untersuchen, ohne dieses anfängliche Zusammenrücken von Horlitz und Meyritz eventuell nicht passiert wäre. Für viele wird sich das nach einem taktischen Geplänkel auf dem Rücken der Fans anhören und mir ist diese Stellungnahme auch bereits mehrfach auf die Füße gefallen, aber ich habe eben auch noch nie zuvor erlebt, dass ein Direktionsleiter Verantwortung für einen Polizeieinsatz in seinem Gebiet übernimmt und Verfehlungen einräumt. Trotzdem war durch die Erklärung der ursprünglich verabredeten gemeinsamen Aufarbeitung zwischen Fans, Fanprojekt und Verein die Tür versperrt. Der Verein schien sich auf die Seite der „Angreifer“ geschlagen zu haben. Dabei ist unsere eigentliche Position irgendwo zwischen den Stühlen. In Einzelgesprächen gab es immer Verständnis für das Agieren des Vereins, nach Außen wurde aber immer wieder mit Forderungen agiert. In diese Gemengelage mischt sich die Tatsache, dass zwar seitens des Vereins auf der Infoveranstaltung im Juni 2016 das eigenen Handeln hinterfragt wurde und Kritik angenommen wurde, aus der Fanszene aber bis heute kein Reflektieren des eigenen Vorgehens an diesem Tag zu vernehmen ist. Ohne jetzt mit dem Finger auf andere zu zeigen, glaube ich einfach, dass es dazugehören sollte, die Geschehnisse vorbehaltsfrei zu analysieren und dazu gehört es nach meinem Empfinden eben auch, erst einmal vor der eigenen Tür zu kehren und dann anzuprangern. Das hätte ich mir zumindest so vorgestellt. Aber davon mal abgesehen, hat gerade Archibald Horlitz im Nachgang überall versucht, die Verfehlungen der Polizei offenkundig zu machen und vor allem die Ausführungen von Backhaus im Innenausschuss und die damit verbundenen Vorwürfe gegen die Fanszene zu widerlegen. Auch sind wir mit Betroffenen im Kontakt, die sich mittlerweile mit Strafanträgen konfrontiert sehen und versuchen da entsprechende Unterstützung zukommen zu lassen. Und wir sind sensibel genug – auch das gehört dazu – auf die Forderungen der Fans einzugehen, Maik Dittmann vorerst nur bedingt bei Auswärtsspielen einzuplanen. Und das, obwohl die von den Fans ihm zugerechnete Verantwortung für den Polizeieinsatz falsch ist. Sowohl Grundidee als auch Umsetzung war auf meinem „Mist gewachsen“, er hat mir nur den Zeitpunkt geliefert.

Welche Konsequenzen haben Sie für sich persönlich aus der Schande von Luckenwalde gezogen? Dass ich diese Funktion nicht lange ausüben werde. Und natürlich, dass wir nie wieder in einem fremden Stadion mit fremden Einsatzleitern eine hausrechteähnliche Verantwortung übernehmen.

In Luckenwalde wurden hunderte Nulldrei-Fans traumatisiert. Wie geht der Vorstand damit um? Es ist schwer, da durch den Vertrauensverlust nach der Erklärung der Verein sicher nicht die erste Adresse für einen Hilferuf ist. Ich hatte Ende letzten Jahres in einem Austausch mit nur03* zugesagt, dass wir im Karli eine Veranstaltung zum Thema durchführen können und sind mittlerweile dabei, den Fanbeirat bei der Organisation und Durchführung zu unterstützen. Das kann auch nur auf diesem Weg passieren, da wir weder die Kompetenz haben, uns dem Thema selbst zu widmen, als auch und vor Allem gar nicht frei von dem selbst Erlebten sind. Auch wir – und damit meine ich neben mir auch vor allem unsere Ordner – haben dort Dinge mit ansehen und erleben müssen, die in vieler Hinsicht Narben hinterlassen haben.

Was haben die Vorfälle von Luckenwalde für eine Auswirkung auf Ihre Zusammenarbeit mit der Polizei und auf welche Konsequenzen müssen/dürfen sich Nulldrei-Fans einstellen? Als erstes muss vorausgeschickt werden, dass wir als Verein mit der Potsdamer Polizei sowie der zuständigen Polizeidirektion West in den letzten Jahren eine sehr professionelle Zusammenarbeit entwickelt haben. Gerade was die Frage der Zuständigkeit im Stadion anbelangt, dürften uns viele Vereine in der Liga beneiden. (Da brauche ich nur an den letzten Sonntag in Berlin denken.) Ich musste aber in Luckenwalde lernen, dass die im Karli gelebte Praxis eben nicht landesweite Normalität ist. Um daher zumindest für die Heimspiele das Erreichte zu festigen, hatten wir relativ zeitnah im letzten Sommer unter Einbeziehung von Fanprojekt und Fanbeirat potentielle Szenarien mit der Polizei durchgesprochen und geprüft, welche Konsequenzen aus den unterschiedlichen Vorfällen resultieren können. Dabei wurde noch einmal klar herausgestellt, dass die Hauptverantwortung für den Schutz des Objekts (Stadion + Einlassbereich) beim Verein liegt. Lediglich bei Straftaten oder wenn wir selbst darum bitten, greift die Polizei ein. Auch haben wir deutlich gemacht, dass es wenig hilfreich sein kann, die in Luckenwalde eingesetzten Kräfte aus Frankfurt/Oder in naher Zukunft zu einem Spiel mit Nulldrei-Beteiligung hinzuzuziehen. Zumindest bei den Heimspielen habe ich die Hoffnung, dass uns das erspart bleibt.

Dieses Interview erschien im Ultra Unfug #245 zum Heimspiel gegen Energie Cottbus.

Antwortschreiben der Stiftung SPI

Als Antwort auf unseren offenen Brief bezüglich der Personalpolitik im Fanprojekt Babelsberg hat der Fanbeirat nun ein Schreiben von der Stiftung SPI erhalten. In diesem bezieht der Geschäftsbereichsleiter Stefan Zaborowski Stellung zu der von uns geäußerten Kritik. Die komplette Antwort könnt ihr hier nachlesen. Auf drei Punkte möchten wir jedoch genauer eingehen

„In der Zuwendungslogik sind Arbeitsverträge immer zeitlich oder projektbezogen befristet.“ 

Allerdings besteht das Fanprojekt bereits seit dem Jahr 2001 und ein Ende ist nicht absehbar. Auch haben die meisten anderen Fanprojekte in Deutschland, die denselben Voraussetzungen unterliegen, durchaus festangestellte Mitarbeiter. Warum sind nicht wenigstens projektbefristete Verträge im Fanprojekt Babelsberg an der Tagesordnung? Auch die nun neu zu besetzende Stelle enthält eine Befristung bis zum 30.05.2018.

„Unsere langjährige Projektleiterin Tine Stern wurde aufgrund von Elternzeit befristet bis Ende April von Herrn Schlinck vertreten.“


An der Wahrheit dieser Aussage haben wir erhebliche Zweifel, weil sich die Stellenausschreibungen der SPI anders lesen. Da Bastian Schlinck im Juli 2015 begann im Fanprojekt zu arbeiten, wird das seine Ausschreibung gewesen sein:
Sozialpädagoge/Sozialarbeiter (aus paritätischen Gründen männlich)
zum 01.07.2015 für das Fanprojekt Babelsberg in Potsdam gesucht.

Die Stelle ist vorerst befristet bis zum 30.06.2016
Der Stellenumfang beträgt zunächst 25 Stunden/Woche.

Die tatsächliche Elternzeitvertretung Florian Franke hatte folgende Stellenausschreibung:

Dipl. Sozialarbeiterin/Dipl. Sozialpädagogin (aus paritätischen Gründen weiblich besetzt)
zum 01.03.2016 für das Fanprojekt Babelsberg in Potsdam gesucht. Die Stelle ist eine Elternzeitvertretung und vorerst befristet bis zum 31.03.2017.

Sehr geehrte Herr Zaborowski warum brauchte das Fanprojekt Babelsberg zwei Elternzeitvertretungen? Oder war es nicht tatsächlich so, dass Bastian Schlinck lediglich die Funktion der Projektleitung und nicht die Person Tine Stern an sich vertrat? Und wenn Ihnen diese Situation angeblich schon so lange bekannt war, warum schreiben Sie die offene Stelle erst jetzt zum 01.06.2017 aus?

„Die von Ihnen angesprochenen kommenden Spiele {BFC und Cottbus} werden durch das Fanprojekt selbstverständlich sozialpädagogisch betreut.“

Doch wie leistungsfähig kann diese Betreuung sein? Bereits getroffene Absprachen bezüglich der Risikospiele zwischen Bastian Schlinck, dem Verein und der Fanszene mussten kurzfristig neu abgeklärt werden. Darüber hinaus ist das für Fanarbeit notwendige Vertrauen „nicht nur von der jeweiligen Person abhängig, es ist im besonderen Maße auch ein langsam wachsender Entwicklungsprozess. Dieser Prozess ist geprägt durch gegenseitige Erfahrungen, besonders in schwierigen Situationen.“ (Stellungnahme des SV Babelsberg 03) Fanprojektmitarbeiter*innen können nich wie Triebwagen einer Bahn beliebig ohne „Leistungsverlust“ ausgetauscht werden. Somit ist der Zeitpunkt für eine derart radikale personelle Umstrukturierung natürlich mehr als unglücklich.

Sehr geehrter Herr Zaborowski, wir sind es Leid uns weiterhin Märchen von Ihnen erzählen zu lassen! Ihre Darstellung, die die Nichtverlängerung des Vertrages von Herrn Schlinck alltäglich aussehen lassen soll, ist wie oben begründet unglaubwürdig und in unseren Augen unehrlich. Was wollen Sie uns und der Öffentlichkeit verheimlichen?
Unsere Forderungen bleiben derweil die selben. Wir wünschen uns für die Mitarbeiter*innen des Fanprojekts Babelsberg unbefristete Arbeitsverträge. Außerdem möchten wir Ihnen bei der Auswahl der Mitarbeiter*innen mit unserer Expertise helfend zur Seite stehen. Lassen Sie uns gemeinsam die Vorraussetzungen für gute und verlässliche sozialpädagogische Arbeit in Babelsberg erhalten.

Fanbeirat Babelsberg

Zur Aufarbeitung der Ereignisse in Luckenwalde durch die Polizeidirektion West

Am 13. Oktober, einen Tag nachdem das Landeskriminalamt Eberswalde eine Öffentlichkeitsfahndung nach einem vermeintlich schwerverletzten Babelsberg-Fan startete, erhielt der SV Babelsberg 03, der Fanbeirat und das Fanprojekt Babelsberg einen Brief vom Polizeidirektor der Polizeidirektion West Karsten Schiewe (pdf Kopie des Briefes). Darin äußert sich erstmals relativ ausführlich, aber leider informell ein leitender Beamter zum Dossier „28. Mai 2016 – Polizeigewalt in Luckenwalde“ sowie zur Demonstration in Erinnerung an die „Schande von Luckenwalde“ am 7. Oktober 2016 vor dem Achtelfinale im Brandenburger Landespokal.

Der Fanbeirat ist ein aus der Fanszene gewähltes Gremium, welches sich als Ansprechpartner für die Fans, den Verein und die Behörden versteht. Auch wenn wir Fans des SVB sind und unser Beirat verschiedene Fan-Gruppen vertritt, möchten wir darauf hinweisen, dass wir nicht für alle Fans sprechen können. Genauso wenig stehen wir für alle Betroffenen von Gewaltverbrechen sowie die Traumatisierten beim Pokalfinale in Luckenwalde. Wir haben uns deshalb entschieden, da im Brief von PD Schiewe explizit die „Fans des SV Babelsberg 03“ angesprochen wurden, den Betreffenden das Schreiben nicht vorzuenthalten und veröffentlichen es hiermit.

Bereits in der Vergangenheit zeigte sich PD Schiewe gesprächsbereit, wollte sich zu konkreten Vorfällen in Luckenwalde allerdings nicht äußern. Nun nimmt er erstmals Bezug darauf, hält aber weiterhin an den diffamierenden und zu hinterfragenden Behauptungen fest. Dabei sind diese durch das Dossier und vor allem durch die ebenfalls veröffentlichte Video-Dokumentation der Polizeigewalt eindeutig widerlegt. Daher möchten wir dem Brief von PD Schiewe unseren Kommentar voranstellen. Außerdem wollen wir unsere im Dossier formulierten Forderungen um vier weitere Punkte ergänzen und so auf die aktuellen Entwicklungen Bezug nehmend konkretisieren.

  1. Wir erwarten von der Polizei Brandenburg, dass endlich die Zahlen zu den verletzten Fans überprüft und korrigiert werden. Es muss endlich anerkannt werden, dass es eine sehr viel höhere Zahl an durch Reizgas verletzte Personen sowie einige schwerverletzte Fans gab. Die Öffentlichkeitsfahndung nach einem vermeintlich schwerverletzten Fan bestätigt diese indirekte Korrektur der Zahlen bereits. Hier fehlt aber eine explizite und öffentliche Entschuldigung für die Verbreitung falscher Zahlen und Korrektur derselben.
  2. Wir fordern weiterhin, dass die Polizei auf den Einsatz von Reizgas im Stadion und in großen Menschenmengen verzichtet. Die Ereignisse in Luckenwalde beweisen erschreckend, dass beim exzessiven Einsatz von Reizgas zwangsläufig eine sehr große Zahl von Menschen betroffen ist und so Panik, Angst und Traumatisierungen bewusst riskiert werden. Der Einsatz steht deshalb in keinem Verhältnis zum Ziel, ist durch nichts zu rechtfertigen und sollte deshalb unterlassen werden.
  3. Wir weisen erneut nachdrücklich darauf hin, dass in Luckenwalde dutzende Menschen nicht nur verletzt, sondern auch traumatisiert wurden. Dies beweisen die bekannten offenen Briefe sowie die zahlreichen Augenzeugenberichte, die vor allem die Panik, die Angst und die Verzweiflung der Fans schildern. Hierbei ist zu beachten, dass jene Fans, die weiterhin zum Fußball gehen, an jedem Spieltag durch den Anblick gepanzerter und uniformierter Bereitschaftspolizisten an die vermummten Gewaltverbrecher in Luckenwalde erinnert und so womöglich re-traumatisiert werden können. Aus diesem Grund erwarten wir von der Polizei Brandenburg die traumatisierten Betroffenen endlich als Teil der Opfer von Polizeigewalt zu betrachten. Damit muss ausdrücklich eine Änderung im Verhalten gegenüber den Fans einhergehen. Dazu gehört zunächst diese Gruppe Betroffener explizit zu benennen, in den Einsatzbesprechungen dieses Thema zu reflektieren sowie auf re-traumatisierendes Verhalten im Umgang mit den Babelsberg-Fans zu verzichten.
  4. Wir wollen endlich wissen, gegen wie viele Beamte genau und wegen welcher Straftatbestände ermittelt wird. In bilanzziehenden Presseerklärungen wird regelmäßig nach Fußballspielen veröffentlicht, gegen wie viele Personen auf Grundlage welcher vermeintlicher Straftaten vorgegangen wurde. Im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Polizisten fehlen diese Angaben. Es ist deshalb völlig unklar, ob auch gegen jene Beamte ermittelt wird, die exzessiv und durch nichts gerechtfertigt Reizgas versprüht haben. Darüber hinaus ist nicht bekannt, ob die gewalttätigen Beamten, die so viele Fans verletzt und traumatisiert haben, weiterhin im Einsatz sind und eventuell auch bei Spielen des SV Babelsberg 03 eingesetzt werden. Das heißt, bei jedem Kontakt mit Bereitschaftspolizisten müssen die Fans davon ausgehen, dass sie erneut mit jenen Beamten konfrontiert sind, die sie in Luckenwalde verprügelt und mit Reizgas eingesprüht haben. Für eine echte Aufarbeitung sind Informationen zu den Tatbeständen, den daraus folgenden Ermittlungen sowie mögliche Konsequenzen für die Beamten unumgänglich.

Kommen wir nun zum Inhalt des Briefs selbst und den darin enthaltenen, weiterhin aufrechterhaltenen, widerlegten beziehungsweise problematischen Behauptungen.

PD Schiewe beschreibt ausführlich, dass „auch nichtpolizeiliches Foto- und Videomaterial […] in einem wirklich immensen Umfang gesichtet und ausgewertet“ wurde. Interessant ist hierbei nicht der Hinweis, dass dies „unter objektiven Gesichtspunkten durchgeführt“ wurde, sondern dass die Polizeidirektion West und damit die Direktion, der die betreffenden Beamten und mutmaßlichen Gewaltverbrecher zugeordnet sind, für die Sichtung, die Analysen und Auswertungen verantwortlich waren. Dass „nichts unter den Tisch gekehrt“ wurde, mag für PD Schiewe selbstverständlich sein. Es bleibt aber auch aufgrund der Intransparenz zumindest ein fader Beigeschmack, da schließlich die Institution der mutmaßlichen Täter die volle Kontrolle über das Material und die Ermittlungen hat. Diese Praxis, egal wie objektiv sie auch sein möge, muss dringend überdacht werden. Im Ergebnis sollte, wie wir es in unseren Forderungen bereits formuliert haben, eine externe und vor allem unabhängige Vertrauensstelle für Beschwerden gegen polizeiliches Handeln eingerichtet werden.

Nicht minder bedenklich ist in diesem Zusammenhang auch der süffisante Hinweis, dass es für die gesetzeswidrige Vermeidung der Kennzeichnung „nachvollziehbare Gründe“ gegeben haben soll. Wir fragen uns, was diesen offenbar bewusst begangenen Rechtsbruch rechtfertigen könnte. Fatal ist hierbei übrigens auch, welche Respektlosigkeit gegenüber den Gesetzen im Allgemeinen und dem Polizeigesetz im Besonderen zu Tage tritt. Schließlich ist es die Grundlage polizeilichen Handelns und vor allem des in Luckenwalde exzessiv ausgeübten Gewaltmonopols des Staates. Im Grunde sollte gegen jene, die den Verzicht auf die Kennzeichnung angeordnet, toleriert und schließlich gerechtfertigt haben, aufgrund eines besonderen öffentlichen Interesses ebenfalls ermittelt werden.

Bezüglich des exzessiven Einsatzes von Reizgas gegen Fans bedauert PD Schiewe zwar, dass auch „Unbeteiligte durch die Reizstoff-Einwirkung betroffen waren“, betont aber, dass „der Einsatz des Reizstoffes zielgerichtet nur gegen Fans erfolgte, die durch ihr Handeln Rechtsbrüche begangen haben bzw. unmittelbar zur Schädigung herausgehobener Rechtsgüter ansetzten“. Worin diese Rechtsbrüche genau bestanden haben und welche schützenswerten Rechtsgüter verletzt worden sein sollen, wird nicht genannt. Genauso wenig wird erklärt, dass auch in unmittelbarer Nähe von Versorgungspunkten der Verletzten Reizgas eingesetzt wurde. Welchen Rechtsbruch haben diese Personen begangen? Darüber hinaus stellt sich die Frage, wenn nur zielgerichtet „Reizstoff“ eingesetzt wurde, warum so viele – das Fanprojekt zählte 128 durch Reizgas verletzte Fans – „Unbeteiligte“ betroffen waren. Ist der Einsatz dementsprechend nicht grundsätzlich zu hinterfragen, wenn vor allem in großen Menschenmengen nicht verhindert werden kann, dass sehr viele Unbeteiligte verletzt werden können?

In einem längeren und umfangreichen Absatz lobt PD Schiewe die intensive, konstruktive sowie offene und transparente Zusammenarbeit zwischen Verein, Fans und Polizei. In Bezug auf Spiele in Babelsberg mag dies sicher zutreffend sein. Bezogen auf die Vorfälle in Luckenwalde scheint hier aber der Wunsch eher als die Realität der Vater des Gedankens zu sein. Schließlich gab und gibt es bis heute keine öffentliche Aufarbeitung der Polizeigewalt in Luckenwalde. Von Offenheit und Transparenz kann mitnichten die Rede sein. Eine Zusammenkunft zwischen Vertretern des Vereins, der Fans und der Polizei außerhalb der Saisonvorbereitungs- und Sicherheitsgespräche vor den Spieltagen hat zu keinem Zeitpunkt stattgefunden. Die Polizei, der Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) und die Vereine haben ihre die Babelsberg-Fans diffamierende Erklärung vom 31. Mai 2016 bis heute nicht revidiert.

Die Ereignisse müssen fünf Monate nach der „Schande von Luckenwalde“ schonungslos aufgearbeitet werden – ohne untaugliche Relativierungen. Informelle Gespräche und Ankündigungen durch die Polizei und Verantwortliche des SV Babelsberg 03 sind angesichts der schockierenden Vorkommnisse und den nicht abzusehenden Nachwirkungen unzureichend. Wir möchten deshalb erneut an beide Vereine, den FLB und auch an die Polizei appellieren, endlich Verantwortung für den durch nichts zu rechtfertigenden Angriff auf Nulldrei-Fans zu übernehmen.

Der „Fanbrief“ liegt nur als pdf-Dokument vor und kann hier nachgelesen werden.

  Unsere Reaktion kann als pdf-Dokument hier heruntergeladen werden.