Interview mit Christian Lippold zur „Schande von Luckenwalde“

Christian Lippold ist Mitglied des Vorstands von Nulldrei und seit 2014 Sicherheitsbeauftragter. Zuvor war er 11 Jahre Fanbeauftragter. Ein Jahr nach der „Schande von Luckenwalde“ traf sich der Fanbeirat mit Christian Lippold, um mit ihm über die Vorkommnisse am 28.05.2016 zu reden.

Christian Lippold, welche Aufgaben hat der Sicherheitsbeauftragte des SVB? Grundsätzlich ist der Sicherheitsbeauftragte eines Vereins für die saubere und problemfreie Abwicklung des Spieltags im eigenen Stadion zuständig. Das umfasst im Vorfeld die Kommunikation mit dem Gastverein im Hinblick auf erwartete Zuschauerzahlen, Abstimmung von Fanutensilien und generellen Fanbelangen sowohl mit den Vertretern des Gastvereins als auch den Fanvertretern der eigenen Fanszene, die Organisation von Personal (Ordnungsdienst, Kassenkräfte), die Abstimmung mit der Polizei und dem Verband. Am Spieltag gilt es dann, das Geplante umzusetzen, den Kontakt zu den einzelnen Protagonisten im Stadion zu halten und wenn nötig einzugreifen. Bei uns gestaltete sich dies anfangs etwas komplizierter, weil mit dem Abgang von Hartmut Streich auch der bis dato agierende Sicherheitsdienst Securitas „keinen Bock mehr auf uns hatte“ und damit auch der Einsatzleiter am Spieltag (Jens Müller) von einem Tag auf den anderen nicht mehr zur Verfügung stand. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren, aber der zeitliche Zusammenfall mit dem Wechsel des Sicherheitsbeauftragten ist ziemlich offensichtlich. Somit musste eine komplett neue Ordnungsgruppe initiiert werden, was wir als Chance nutzen wollten, die Mischung aus Vereins- und gewerblichen Ordnern aufzuheben und im Heimbereich fortan ausschließlich auf Vereinsordner zu setzen. Nach mittlerweile fast drei Jahren, kann ich sagen, dass ich mit der Umsetzung ziemlich zufrieden bin. Bei Auswärtsspielen stelle ich dem gastgebenden Verein die zu erwartenden Zuschauerzahlen zur Verfügung, was unter intensiver Abstimmung (u.a. Fanprojekt und Fanbeirat) erfolgt. Auch obliegt mir die Verantwortung, inwieweit wir Ordner mit zum Auswärtsspiel schicken.

Warum hat der SVB beim Pokalfinale die Verantwortung für den Gästeblock übernommen? Aus Ihrer Beschreibung klingt das nicht nach dem normalen Vorgehen? Das ist korrekt. Für die Absicherung des Gästeblockes ist immer und ausschließlich der Heimverein zuständig. Allerdings haben wir bereits im Punktspiel gegen Luckenwalde (wie auch schon zuvor einmal in Rathenow) eine Eigenverantwortung im Gästeblock übernommen. Bei Luckenwalde ist der Grund, dass dort für den Gästeblock standardmäßig Personal von OSD – dem Sicherheitsdienst von Energie Cottbus – geordert wird. Ohne den dort handelnden Personen etwas unterstellen zu wollen, sahen wir grundsätzlich die Gefahr, dass bei OSD eingesetzte Personen aus dem Ultra-Umfeld von Energie, vor dem Gästeblock agieren könnten. Dies wollten wir verhindern, was beim Punktspiel ja auch problemlos funktioniert hat.

Welche Verantwortung muss sich der SVB generell und vor Allem Sie sich selbst für die Geschehnisse in Luckenwalde zurechnen lassen? Wo sind von Ihnen Fehler gemacht worden? Grundsätzlich muss man sagen, dass bei uns im Vorstand jeder sein eigenes Fachgebiet „beackert“. Von daher muss ich alles, was mit dem Spiel direkt zu tun hat, auf meine Kappe nehmen. Und sicher gibt es im Nachhinein eine ganze Menge Dinge, die es zu hinterfragen gilt – was ich auch intensiv getan habe. Da wäre zum einen natürlich generell die Frage, inwieweit es sinnvoll war, bei einem Spiel, was allein aufgrund der Zuschauerzahl nicht mit dem Punktspiel vergleichbar war, die Absicherung des Gästeblockes zu übernehmen. Gerade im Hinblick auf die diffuse Gemengelage zwischen dem gastgebenden Verein, dem Verband und vor allem der Polizei hätte man auf eine Verantwortungsübernahme verzichten sollen. Auch weil wir dem FSV mehrfach angeboten hatten, das Spiel im Karli auszutragen. Eigentlich hat uns der Verlauf lange Recht gegeben, aber in der Gesamtbetrachtung muss ein Agieren auf fremden Terrain – gerade in Extremsituationen – als nicht zu verantworten eingeschätzt werden. Der sicherlich größte Fehler war, das Fanprojekt in der Spielvorbereitung außen vor zu lassen. Das war zwar kein bewusstes, sondern ein rein technisches Versäumnis, aber ich hätte die fehlende Kommunikation durch den FSV feststellen müssen. Auch wenn die Einschätzung des Verbandes hinsichtlich eines Platzsturm mit Hilfe des Fanprojektes auch nicht hätte geändert werden können, so hätte es zumindest eine bessere Vermittlung der Situation geben können. Die Frage selbst, ob wir als Verein mehr Druck auf den Verband hätten ausüben können, um ein abgesichertes Betreten des Spielfelds zu tolerieren, ist obsolet. Die Position war unumstößlich. Und auch, wenn es im Nachgang absurd klingen mag, das einzige, was wir in dieser Diskussion rausholen konnten, war, dass wir das Betreten des Platzes mit unseren Ordnern und nicht wie gefordert durch eine Polizeikette vor dem Block verhindern wollten. Das genau das im Endeffekt dann doch passiert ist, wird sicher von vielen als die wirkliche Schuld gesehen. Losgelöst betrachtet ist das auch so und ich hätte mich sicher deutlich weniger erklären müssen, wenn ich in dieser Situation anders, also gar nicht gehandelt hätte. Es wird niemals jemand aufklären können, wie es gekommen wäre, wenn ich nicht agiert hätte, daher kann ich nur immer wieder die Ausgangslage schildern, die zu der Entscheidung geführt hat. Inwieweit ein anderes Vorgehen ein weniger, vielleicht aber auch noch schlimmeres Resultat hervorgebracht hätte, muss jeder für sich selbst ausmachen. Fakt war, dass der Verband auch in der Halbzeitpause noch einmal auf Nachfrage der Polizei klargemacht hat, dass ein Betreten des Platzes mit allen Mitteln verhindert werden muss. So sehr wir auch darauf bestanden, dass wir die Situation ohne Polizeikräfte in den Griff bekommen wollten, so sicher war uns, dass sobald wir dies nicht schaffen würden, die an den diagonalen Mundlöchern postieren Bereitschaftskräfte eingreifen würden. Als sich nun zum Spielende abzeichnete, dass es doch vermehrt zum Betreten des Platzes kommen würde, war auch klar, dass wir diesbezüglich auch nicht mehr befragt werden würden. Daher war der Plan, einen Teil der Polizeikräfte sichtbar am Anfang der Gegengerade zu platzieren, um den Fans die drohenden Konsequenzen einer Platzbetretung zu verdeutlichen. Dass die Kommunikation in dem Moment ins Leere lief, weil der Zugführer sich weigerte auf mich zu reagieren und im Endeffekt entgegen meiner Aufforderungen nicht entspannt am Anfang des Blockes, sondern in Vollmontur direkt vor den feiernden Fans Stellung bezog, war neben der Frage, ob der Plan überhaupt Erfolgsaussichten hatte, dann auch noch in der Umsetzung eine Katastrophe. Aber ich hatte auch keine Ahnung, dass – sobald ich die Polizei mit ins Spiel nehme – ich meine eigene Hoheit vor dem Block verloren hatte. Das mag zwar für den polizeikritischen Fußballfan nicht überraschend sein, für mich – der ich im heimischen Karli ganz anders mit der Polizei kooperieren kann – aber schon. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war mein Handeln nur noch betäubtes Reagieren, hilflos und machtlos.

Entschuldigen Sie Sich dafür bei den verletzten und traumatisierten Fans? Natürlich bedauere ich es zutiefst, dass an diesem Tag eine extrem hohe Zahl an Unschuldigen direkt durch Gewalteinwirkung oder aber auch allein durch das Erlebte teilweise andauernden Schaden genommen haben. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass ich mit der Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen, ja genau das Gegenteil erreichen wollte. Und auch, wenn ich nicht weiß, zu welchem Ergebnis ein anderes Vorgehen geführt hätte, so muss ich mir doch die Tatsache, dass die Polizei direkt vor dem Gästeblock Stellung bezogen hat, grundsätzlich zurechnen lassen.

Steht der Verein bei der Aufarbeitung der Schande von Luckenwalde hinter seinen Fans? Wenn ich jetzt sage Ja, werden alle im Hinblick auf die gemeinsame Presserklärung abwinken. Ich meinte eigentlich, dass Archibald Horlitz in seinem Video-Interview mit Nulldrei-TV deutlich gemacht hat, was er mit dieser Stellungnahme erreichen wollte. Und auch, wenn der Aufschrei seitens der Fans verständlich ist und sein Plan im Hinblick auf den Innenausschuss nicht aufging, so muss man auch sagen, dass die Bereitschaft seitens der Polizei, die Vorkommnisse so intensiv zu untersuchen, ohne dieses anfängliche Zusammenrücken von Horlitz und Meyritz eventuell nicht passiert wäre. Für viele wird sich das nach einem taktischen Geplänkel auf dem Rücken der Fans anhören und mir ist diese Stellungnahme auch bereits mehrfach auf die Füße gefallen, aber ich habe eben auch noch nie zuvor erlebt, dass ein Direktionsleiter Verantwortung für einen Polizeieinsatz in seinem Gebiet übernimmt und Verfehlungen einräumt. Trotzdem war durch die Erklärung der ursprünglich verabredeten gemeinsamen Aufarbeitung zwischen Fans, Fanprojekt und Verein die Tür versperrt. Der Verein schien sich auf die Seite der „Angreifer“ geschlagen zu haben. Dabei ist unsere eigentliche Position irgendwo zwischen den Stühlen. In Einzelgesprächen gab es immer Verständnis für das Agieren des Vereins, nach Außen wurde aber immer wieder mit Forderungen agiert. In diese Gemengelage mischt sich die Tatsache, dass zwar seitens des Vereins auf der Infoveranstaltung im Juni 2016 das eigenen Handeln hinterfragt wurde und Kritik angenommen wurde, aus der Fanszene aber bis heute kein Reflektieren des eigenen Vorgehens an diesem Tag zu vernehmen ist. Ohne jetzt mit dem Finger auf andere zu zeigen, glaube ich einfach, dass es dazugehören sollte, die Geschehnisse vorbehaltsfrei zu analysieren und dazu gehört es nach meinem Empfinden eben auch, erst einmal vor der eigenen Tür zu kehren und dann anzuprangern. Das hätte ich mir zumindest so vorgestellt. Aber davon mal abgesehen, hat gerade Archibald Horlitz im Nachgang überall versucht, die Verfehlungen der Polizei offenkundig zu machen und vor allem die Ausführungen von Backhaus im Innenausschuss und die damit verbundenen Vorwürfe gegen die Fanszene zu widerlegen. Auch sind wir mit Betroffenen im Kontakt, die sich mittlerweile mit Strafanträgen konfrontiert sehen und versuchen da entsprechende Unterstützung zukommen zu lassen. Und wir sind sensibel genug – auch das gehört dazu – auf die Forderungen der Fans einzugehen, Maik Dittmann vorerst nur bedingt bei Auswärtsspielen einzuplanen. Und das, obwohl die von den Fans ihm zugerechnete Verantwortung für den Polizeieinsatz falsch ist. Sowohl Grundidee als auch Umsetzung war auf meinem „Mist gewachsen“, er hat mir nur den Zeitpunkt geliefert.

Welche Konsequenzen haben Sie für sich persönlich aus der Schande von Luckenwalde gezogen? Dass ich diese Funktion nicht lange ausüben werde. Und natürlich, dass wir nie wieder in einem fremden Stadion mit fremden Einsatzleitern eine hausrechteähnliche Verantwortung übernehmen.

In Luckenwalde wurden hunderte Nulldrei-Fans traumatisiert. Wie geht der Vorstand damit um? Es ist schwer, da durch den Vertrauensverlust nach der Erklärung der Verein sicher nicht die erste Adresse für einen Hilferuf ist. Ich hatte Ende letzten Jahres in einem Austausch mit nur03* zugesagt, dass wir im Karli eine Veranstaltung zum Thema durchführen können und sind mittlerweile dabei, den Fanbeirat bei der Organisation und Durchführung zu unterstützen. Das kann auch nur auf diesem Weg passieren, da wir weder die Kompetenz haben, uns dem Thema selbst zu widmen, als auch und vor Allem gar nicht frei von dem selbst Erlebten sind. Auch wir – und damit meine ich neben mir auch vor allem unsere Ordner – haben dort Dinge mit ansehen und erleben müssen, die in vieler Hinsicht Narben hinterlassen haben.

Was haben die Vorfälle von Luckenwalde für eine Auswirkung auf Ihre Zusammenarbeit mit der Polizei und auf welche Konsequenzen müssen/dürfen sich Nulldrei-Fans einstellen? Als erstes muss vorausgeschickt werden, dass wir als Verein mit der Potsdamer Polizei sowie der zuständigen Polizeidirektion West in den letzten Jahren eine sehr professionelle Zusammenarbeit entwickelt haben. Gerade was die Frage der Zuständigkeit im Stadion anbelangt, dürften uns viele Vereine in der Liga beneiden. (Da brauche ich nur an den letzten Sonntag in Berlin denken.) Ich musste aber in Luckenwalde lernen, dass die im Karli gelebte Praxis eben nicht landesweite Normalität ist. Um daher zumindest für die Heimspiele das Erreichte zu festigen, hatten wir relativ zeitnah im letzten Sommer unter Einbeziehung von Fanprojekt und Fanbeirat potentielle Szenarien mit der Polizei durchgesprochen und geprüft, welche Konsequenzen aus den unterschiedlichen Vorfällen resultieren können. Dabei wurde noch einmal klar herausgestellt, dass die Hauptverantwortung für den Schutz des Objekts (Stadion + Einlassbereich) beim Verein liegt. Lediglich bei Straftaten oder wenn wir selbst darum bitten, greift die Polizei ein. Auch haben wir deutlich gemacht, dass es wenig hilfreich sein kann, die in Luckenwalde eingesetzten Kräfte aus Frankfurt/Oder in naher Zukunft zu einem Spiel mit Nulldrei-Beteiligung hinzuzuziehen. Zumindest bei den Heimspielen habe ich die Hoffnung, dass uns das erspart bleibt.

Dieses Interview erschien im Ultra Unfug #245 zum Heimspiel gegen Energie Cottbus.

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Offener Brief an PD Schiewe 23.03.2017

Sehr geehrter Herr Schiewe,

mit dieser E-Mail nehmen wir Bezug auf Ihr Gesprächsangebot, welches Sie uns im Rahmen der 15-Jahre-Feier des Fanprojekts im Dezember 2016 Feier unterbreiteten.
Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir uns entschieden haben, dieses Angebot nicht wahrzunehmen. Sofern wir Sie richtig verstanden haben, sollte es in dem Treffen inhaltlich um die Grundlagen ihrer polizeilichen und unserer ehrenamtlichen Arbeit gehen. Für diesen Austausch sehen wir momentan keinen Bedarf, da Sie uns die Grundlagen Ihrer Arbeit bereits bei der Sicherheitskonferenz in der Sommerpause 2016 erklärt haben. Wir haben diese verstanden, protokolliert und an die Fans weitergegeben. Allzu viel Grundsätzliches wird sich seitdem ja sicher nicht geändert haben. Die Grundlagen unserer Arbeit haben wir auf eben jener Feier dargelegt. Falls Sie dazu noch Fragen haben, zögern Sie nicht, uns im Rahmen eines der nächsten Sicherheitsgespräche anzusprechen.

Ein weiterer Grund für die Nichtteilnahme sind die immer noch nicht komplett öffentlich aufgearbeiteten Vorfälle vom Pokalfinale in Luckenwalde. Auch wenn wir es Ihnen hoch anrechnen, dass Sie als Einziger von Polizeiseite aus Stellung zu unserem Dossier nahmen – und das obwohl Sie beim Einsatz nicht einmal direkt beteiligt waren – haben wir einfach keine Lust mehr auf informelle Gespräche. Stattdessen fordern wir eine öffentliche Stellungnahme, gern auch in Form einer Pressemitteilung, die folgende offene Fragen klärt:

• Wir erwarten von der Polizei Brandenburg, dass endlich die Zahlen zu den verletzten Fans überprüft und korrigiert werden. Es muss endlich anerkannt werden, dass es eine sehr viel höhere Zahl an durch Reizgas verletzte Personen sowie einige schwerverletzte Fans gab. Die Öffentlichkeitsfahndung nach einem vermeintlich schwerverletzten Fan bestätigt diese indirekte Korrektur der Zahlen bereits. Hier fehlt aber eine explizite und öffentliche Entschuldigung für die Verbreitung falscher Zahlen und Korrektur derselben.

• Wir wollen endlich wissen, gegen wie viele Beamte genau und wegen welcher Straftatbestände ermittelt wird. In bilanzziehenden Presseerklärungen wird regelmäßig nach Fußballspielen veröffentlicht, gegen wie viele Personen auf Grundlage welcher vermeintlicher Straftaten vorgegangen wurde. Im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Polizist*innen fehlen diese Angaben. Es ist deshalb völlig unklar, ob auch gegen jene Beamte ermittelt wird, die exzessiv und durch nichts gerechtfertigt Reizgas versprüht haben. Darüber hinaus ist nicht bekannt, ob die gewalttätigen Beamten, die so viele Fans verletzt und traumatisiert haben, weiterhin im Einsatz sind und eventuell auch bei Spielen des SV Babelsberg 03 eingesetzt werden. Das heißt, bei jedem Kontakt mit Bereitschaftspolizist*innen müssen die Fans davon ausgehen, dass sie erneut mit jenen Beamten konfrontiert sind, die sie in Luckenwalde verprügelt und mit Reizgas eingesprüht haben. Für eine echte Aufarbeitung sind Informationen zu den Tatbeständen, den daraus folgenden Ermittlungen sowie mögliche dienstrechtliche sowie strafrechtliche Konsequenzen für die Beamten unumgänglich.

An dieser Stelle möchten wir betonen, dass wir die Arbeit mit Ihnen als äußerst konstruktiv und produktiv empfinden. Außerdem haben sie Teile der Fragen bereits in persönlichen Gesprächen beantwortet. Wenn Sie also ein weiteres Treffen mit uns wünschen, müssen auch die oben genannten Punkte diskutiert werden und die Antworten darauf veröffentlicht werden. Bevorzugen würden wir aber weiterhin ein proaktives Handeln Ihrerseits und eine öffentliche Stellungnahme der Polizei Brandenburg zu den von uns aufgeworfenen Fragen.

Freundliche Grüße

Fanbeirat Babelsberg

Gegen polizeiliches Fehlverhalten rechtlich vorgehen.

Ihr möchtet nach der Polizeigewalt in Luckenwalde rechtlich aktiv werden? Hier einige Möglichkeiten um die Cops belangen zu können.

Strafanzeige
Wenn ihr durch Polizeibeamte im Laufe aktueller Vorkommnisse verletzt wurdet oder strafrechtlich Relevantes beobachten konntet, habt ihr die Möglichkeit gegen diese strafrechtlich vorzugehen. Der Weg hierfür ist eine Strafanzeige. Beim Stellen einer Strafanzeige gegen Polizeibeamte müsst ihr einige Punkte beachten, die wir kurz für euch zusammengefasst haben. Ihr müsst nicht selber durch die Polizei geschädigt worden sein, schon die Beobachtung von beispielsweise unterlassener Hilfeleistung kann zur Strafanzeige gebracht werden.
Jedoch ist der Polizeieinsatz als solcher nicht durch eine Strafanzeige angreifbar. Hier müssen konkrete strafrechtliche Taten durch einzelne oder mehrere Personen benannt werden. Letztlich raten wir euch im Zweifelsfall euch immer durch eine/n Anwalt/Anwältin beraten zu lassen.

Wo stelle ich die Strafanzeige?
Ihr könnt Strafanzeigen bei Polizei wie Staatsanwaltschaft stellen. Wenn ihr jedoch Anzeige gegen Polizeibeamte stellt macht es in jedem Fall Sinn diese direkt bei der Staatsanwaltschaft einzureichen. Zu stellen ist diese dann bei:

Staatsanwaltschaft Potsdam
Leitender Oberstaatsanwalt Junker
Vertreterin: Oberstaatsanwältin Müller – Lintzen
Jägerallee 10 – 12
14469 Potsdam

Was muss ich grundlegend beim Stellen einer Strafanzeige beachten?
Leider zeigt die bisherige Erfahrung, dass wenn ihr gegen Polizeibeamte Strafanzeige erstattet, die Polizei gegen euch ein Ermittlungsverfahren einleitet und ihr mit einer Gegenanzeige rechnen müsst! Allein eure Anzeige zeigt der Polizei, dass ihr an dem Tag und bei den Geschehnissen anwesend wart. Überlegt euch daher zum einen ob euch etwas strafrechtlich Relevantes vorzuwerfen ist und zum anderen ob ihr euch auf eine Gegenanzeige einlassen wollt. Die Folge einer Anzeige kann auch sein, dass ihr als Zeug/in geladen werdet.
Wenn ihr euch unsicher beim Stellen der Anzeige seid, könnt ihr euch zum einen an das Fanprojekt, den Fanbeirat und die Rechtshilfe Nur03 wenden. Generell können wir euch nur raten eine/n Anwalt/Anwältin beim Stellen einer Anzeige hinzuziehen. Insbesondere bei komplizierteren Sachverhalten ist dies sinnvoll. Euer Beistand ist dazu in der Lage, auch aus einem umfangreichen Sachverhalt die strafrechtlich relevanten Fakten herauszufiltern und in der Strafanzeige weiterzugeben. Damit kann den Ermittlungen von vorneherein die richtige Richtung gegeben werden. Der/die Anwalt/Anwältin wird den weiteren Gang des Verfahrens für euch überwachen und sich gegebenenfalls fortlaufend nach dem Verfahrensstand erkundigen. Nicht zuletzt kann es für euch auch einfach nur angenehmer sein in einer ruhigen und freundlichen Atmosphäre beim Anwalt/Anwältin eine Strafanzeige zu beauftragen anstatt sich persönlich mit der Staatsanwaltschaft auseinanderzusetzen.

Was muss ich in der Strafanzeige in jedem Fall mit angeben?

  • Gebt möglichst genau die Adresse des Tatortes an (WO).
  • Gebt auch so gut wie möglich das Datum und die Uhrzeit der Tat an (WANN).
  • Schildert den Tathergang möglichst genau (WIE).
  • Benennt möglichst genau den/die Täter (WER).
    Hierfür solltet ihr die Polizeibeamt/in, wenn möglich, möglichst gut beschreiben. Helfen kann euch hierbei, dass in Brandenburg eine individuelle Kennzeichnungspflicht besteht. Das heißt, jeder/jede Beamte muss eine individuelle Nummer auf der Uniform tragen um identifizierbar zu sein. Entweder wisst ihr diese Nummer schon oder könnt versuchen sie über Fotos zu ermitteln. Wenn ihr Fotos von dem/der Beamt/in habt, solltet ihr diese als Beweismittel beilegen. Beachtet aber unsere Hinweise zu Beweismaterial!
    Alternativ müsst ihr die Anzeige gegen unbekannte Polizeibeamte stellen.
  • Mögliche Zeugen benennen.
    Zeugen zu benennen ist generell gut und hilfreich. Diese müsst ihr mit vollständigem Namen und Adresse angeben. Beachtet, dass wenn ihr Personen als Zeug/in benennt, diese somit auch der Polizei als Anwesende bzw. Beteiligte bekannt werden. Außerdem sind Zeug/in in Verfahren zur Aussage verpflichtet und können diese nur Verweigern, wenn sie sich selber einer Straftat beschuldigen würden. Daher fragt Freunde oder Bekannte in jedem Fall vorher ob sie durch euch als Zeug/in in dem Verfahren benannt werden wollen.
  • Beweismaterial der Anzeige beifügen.
    Wenn ihr Beweismaterial wie Fotos, ärztliche Atteste oder Ähnliches besitzt, fügt dieses der Anzeige bei. In jedem Fall solltet ihr bei Anzeigen wegen Körperverletzung ein ärztliches Attest beilegen können. Ohne dieses sind Verletzungen vor Gericht später schwer zu belegen.
    Bei Beweismaterial wie Fotos oder Videos solltet ihr in jedem Fall abwägen ob diese andere Personen belasten! In jedem Fall solltet ihr vermeiden der Staatsanwaltschaft oder Polizei Material durch eure Anzeige zu liefern, das gegen andere Personen verwendet werden kann.

 

Ich kenne keinen Anwalt, was tun?
Das Fanprojekt oder der Fanbeirat vermitteln euch gerne Anwälte denen wir vertrauen. Kontaktiert uns einfach.

Fanprojekt Babelsberg

fanprojekt-babelsberg@stiftung-spi.de

+49.0.331 231 63 91 2

(Mo: 15-22 Uhr, Do: 14-21 Uhr)

Fanbeirat

fanbeirat_babelsberg@arcor.de

 

 

Dienstaufsichtsbeschwerde
Die Dienstaufsichtsbeschwerde ist ein formloser Rechtsbehelf, mit dem das persönliche Verhalten eines Beamten beziehungsweise Angestellten des öffentlichen Dienstes oder eines Richters gerügt wird. Ziel der Dienstaufsichtsbeschwerde ist es, dienstaufsichts-rechtliche Maßnahmen gegen diese Person zu veranlassen. Im aktuellen Fall richtet ihr die Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Einsatzleiterin, Frau X.
Die Dienstaufsichtsbeschwerde sollte den/die Polizeibeamtin, gegen den sie erhoben wird, benennen und das persönliche Fehlverhalten, das ihm zum Vorwurf gemacht wird, möglichst genau bezeichnen. Die Dienstaufsichtsbeschwerde wird vom Dienstvorgesetzten oder einem/r damit beauftragten Mitarbeiter/in seiner Dienststelle entgegengenommen, geprüft und abschließend beschieden.
Für die Erhebung einer Dienstaufsichtsbeschwerde sind keine Unterlagen erforderlich. Fristen sind nicht zu beachten. Es empfiehlt sich jedoch, eine Dienstaufsichtsbeschwerde zeitnah zum angegriffenen Verhalten des/der Beamt/in einzureichen.
Im Zusammenhang mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde fallen für euch keine Gebühren beziehungsweise Kosten an.

Ihr richtet die Dienstaufsichtsbeschwerde an:

Polizeipräsidium Polizeidirektion West
Direktionsleiter Peter Meyritz
Magdeburger Landstraße 11
14770 Brandenburg a. d. Havel

Verhalten als Beschuldigte/r nach der Polizeigewalt in Luckenwalde

Was kann ich tun wenn ich wegen der Vorfälle in Luckenwalde Post bekomme?

Auch noch Wochen oder Monate nach dem Spiel in Luckenwalde kann es dazu kommen, dass ihr als Beschuldigte/r Post von Polizei oder Staatsanwaltschaft erhaltet. Dabei können vor allen Dingen drei Szenarien auf euch zukommen.

Vorladungen
Eine Vorladung als Beschuldigte/r bedeutet, dass ein Ermittlungsverfahren gegen euch läuft. Den Umfang der Ermittlungen sowie die Beweislast abzuschätzen ist für euch erst mal nicht möglich. Vernehmungen werden auch keine weiteren Informationen liefern. Hier hilft erst eine sogenannte Akteneinsicht, durch welche euer Anwalt Einblick in die Ermittlungsakte bekommt und euch beraten kann.
Als Betroffene/r könnt ihr nicht erkennen, welche Aussage für euch gut oder schlecht ist. Fehler zu Beginn des Verfahrens sind oft nicht mehr wiedergutzumachen.

Vorladung bei der Polizei:
Von der Polizei könnt ihr einen Anhörungsbogen oder eine Vorladung bekommen. Ihr könnt dabei sowohl als Beschuldigte/r als auch als Zeug/in vorgeladen werden. Vorladungen von der Polizei muss man nicht nachkommen und sollte es auch nicht tun.
Der Polizei stehen keinerlei Zwangsmittel zur Verfügung. Es kann also nichts passieren, wenn man auf eine Vorladung nicht reagiert. Da dies euer Recht ist, kann es euch nicht als Nachteil ausgelegt werden, nicht bei einer Vorladung zu erscheinen.
In jedem Fall solltet ihr aber Kontakt zu einem/einer Anwalt/Anwältin aufnehmen und am besten auch das Fanprojekt informieren. Werft die Vorladung nicht weg und ignoriert die Vorladung in keinem Fall, denn die nächste Post kann dann schon ein Strafbefehl oder eine Anklageschrift sein.

Vorladung zur erkennungsdienstlichen Behandlung
Die Polizei lädt die Beschuldigten eines Ermittlungsverfahrens meist im Vorfeld schriftlich vor, um sie erkennungsdienstlich behandeln zu lassen. Kontaktiert auf jeden Fall einen Anwalt, da die Rechtslage hier schwer überschaubar ist!

Anhörungsbogen
Wenn ihr einen Anhörungsbogen geschickt bekommt, schickt ihn mit Angabe von Datum und Personalien, aber auf jeden Fall ohne Unterschrift zurück.
Der Hinweis, man sei verpflichtet seine Personalien vollständig und richtig anzugeben, sonst könne man gem. § 111 OWiG mit Geldbuße belangt werden, zwingt nicht zur Rücksendung des Bogens. Die Vorschrift dient allein der Identitätsfeststellung der Betroffenen. Wenn ihr angeschrieben werdet, ist eure Identität offenbar bereits ermittelt und ihr seid nicht verpflichtet das Papier auszufüllen. Außerdem werden dort auch angeblich auskunftspflichtige Sachen abgefragt, die gar keine Pflichtangaben sind (wie z.B. Telefonnummer u. ä.).

Vorladung der Staatsanwaltschaft
Im Gegensatz zu einer polizeilichen Vorladung müsst ihr der Vorladung durch die Staatsanwaltschaft nachkommen – sowohl als Beschuldigte/r oder Zeug/in. Als Beschuldigte/r habt ihr das Recht die Aussagen zu verweigern, was ihr auch unbedingt tun solltet.
In jedem Fall solltet ihr aber Kontakt zu einem/einer Anwalt/Anwältin aufnehmen und am besten auch das Fanprojekt informieren. Geht auf keinen Fall ohne Rechtsbelehrung zu einer staatsanwaltlichen Vorladung.

Strafbefehl & Bußgeldbescheid
Strafbefehle werden vom Amtsgericht verschickt. Ein Strafbefehl verurteilt euch zu einer Strafe ohne dass es eine Gerichtsverhandlung gab. Mit einem Strafbefehl werden Verstöße gegen das Strafgesetzbuch geahndet (z.B. Landfriedensbruch, Körperverletzung).
Bußgeldbescheide erhaltet ihr vom Stadt- oder Ordnungsamt, wenn euch eine Ordnungswidrigkeit vorgeworfen wird.
Strafbefehl und Bußgeldbescheid sind quasi ein Urteil ohne eine vorhergehende Verhandlung. Es wird euch die Möglichkeit eines fairen Verfahrens genommen, ihr könnt bestimmte Entlastungszeug/innen nicht präsentieren, seid der Möglichkeit beraubt, mit einem/einer Anwalt/Anwältin eurer Wahl eine Prozessstrategie zu besprechen und habt so im Zweifel einen eventuellen Freispruch oder eine geringere Strafe.
Daher solltet ihr in jedem Fall Widerspruch einlegen. Wichtig ist, ihr müsst den Widerspruch innerhalb einer Frist von 2 Wochen einlegen! Gegen diese Verfügungen kann relativ formlos Widerspruch erfolgen: “Hiermit lege ich Einspruch gegen den Strafbefehl des Amtsgerichts … mit dem Aktenzeichen … ein.” Wichtig ist hierbei in jedem Fall die Frist. Es gilt der Posteingang bei Gericht. Beachtet dabei die Postlaufzeiten von bis zu drei Tagen.
Wir raten euch den Widerspruch persönlich beim Amtsgericht – mündlich auf der Rechtsantragsstelle oder schriftlich auf Poststelle oder in den Nachtbriefkasten – einzureichen. Dieser Einspruch kann problemlos wieder zurückgezogen werden und es entstehen für euch keine Kosten oder Nachteile. Wir raten euch in jedem Fall auch hier Kontakt zu einem/einer Anwalt/Anwältin aufzunehmen um euer weiteres Vorgehen abzusprechen.

Anklage
Solltet ihr eine Anklageschrift erhalten nehmt auf jeden Fall Kontakt zu einem/einer Anwalt/Anwältin auf.

Jugendgerichtshilfe
Die Jüngeren (bis 20-21 Jahre) von euch können zusätzlich noch Post von der Jugendgerichtshilfe erhalten. Ihr seid nicht verpflichtet deren Einladung zu folgen. Wenn ihr deren Einladung folgt, macht in keinem Fall Angaben zur Sache, sondern nur zu euch als Person.

Rechtsanwälte
Nun haben wir euch viele Gründe genannt sich anwaltlichen Beistand zu nehmen. Das Fanprojekt oder der Fanbeirat vermitteln euch gerne an Anwälte denen wir vertrauen. Kontaktiert uns einfach.

Fanprojekt Babelsberg

fanprojekt-babelsberg@stiftung-spi.de

+49.0.331 231 63 91 2

(Mo: 15-22 Uhr, Do: 14-21 Uhr)

Fanbeirat

fanbeirat_babelsberg@arcor.de