Offener Brief zum Auswärtsspiel in Luckenwalde

Offener Brief des Fanbeirats

Am kommenden Sonntag, den 14. Mai 2017 tritt der SV Babelsberg sein vorletztes Punktspiel der Saison 2016/2017 beim FSV Luckenwalde im Werner- Seelenbinder Stadion an. Als Interessenvertretung der Fans des SV Babelsberg 03, muss der Fanbeirat feststellen, dass aus der Schande von Luckenwalde augenscheinlich nicht viel gelernt bzw wenig Verantwortung übernommen wird.Vor einem Jahr, als die beiden Teams im Finale des Landespokals aufeinander trafen, kam es nach Abpfiff des Spiel zu einem übermäßigen, unverhältnismäßigen und in keinster Weise zu entschuldigenden Polizeieinsatz. Die Folge waren Bewusstlose, über 100 zum Teil schwer und leichtverletzte Fans des SV Babelsberg 03, die eigentlich nur mit ihrem Team das gewonnene Finale feiern wollten.

Damals lag die Planung und Verantwortung für den Gästeblock beim SV Babelsberg 03. Für das kommende Punktspiel wird die Verantwortung beim gastgebenden Verein, dem FSV Luckenwalde liegen. Die aktuelle Planung und Durchführung des Spieltages zeigt das fehlende Verantwortungsbewusstsein ganz klar. Die Herangehensweise des FSV Luckenwalde ist derart unsensibel und wird vom Fanbeirat aufs Deutlichste kritisiert. Seitens des FSV Luckenwalde gab es bis zum heutigen Zeitpunkt noch keine Stellungsnahme zu den Vorkommnissen im Mai letzten Jahres.

Es gab bei den im Vorfeld stattfindenden Sicherheitsbesprechungen zum sonntäglichen Spiel keine Einbeziehung unseres Fanprojekts oder Fanbeirats. In den letzten Jahren ist es bisher immer gängige Praxis gewesen, dass Fanprojekt auch zu Sicherheitsbesprechungen bei Auswärtsspielen mit einzuladen und die Perspektive anzuhören, nicht so geschehen in Luckenwalde.

Wie wir nun dem Besprechungsprotokoll entnehmen müssen, wird an dem Spieltag eine übertriebene und rigide Sicherheitspolitik umgesetzt, welche eine eventuelle Retraumatisierung von Fans billigend in Kauf nimmt. Nicht nur, dass die Einlasssituation von Kräften der brandenburgischen Polizei unterstützt wird. Was bedeutet, dass die Fans bereits am Einlass mit der Situation konfrontiert werden, eventuell den Polizeikräften zu begegnen, welche ihnen massiv gewalttätig gegenüber getreten sind. Hinzu kommt, dass der herangezogene Ordnungsdienst von der Firma OSD gestellt wird. Jene Firma die auch in Cottbus den Sicherheitsdienst stellt und Vermutungen zulassen, dass auch “Fans” der aktiven Szene dort angestellt sind. In Anbetracht der vergangenen Erlebnisse beim Heimspiel des SV Babelsberg 03 gegen den FC Energie Cottbus, eine weitere fatale Entscheidung. Die Nulldrei Fans sind der weiteren Bedrohung ausgesetzt in den Reihen des Ordnungsdienst Personen anzutreffen, welche beim Heimspiel antisemitisch, rassistisch und gewaltbereit aufgetreten sind.

Dies sind nur wenige Punkte, die für uns den Eindruck entstehen lassen, dass die Sicherheitspolitik nicht deeskalierend sein will, sondern eher zu einer Eskalation beiträgt. Es ist unerklärlich warum nicht zu einer lückenlosen Aufarbeitung der Schande von Luckenwalde beigetragen wird, sondern stattdessen eine Retraumatisierung so leichtfertig hingenommen wird. Es wird für einige Fans ohnehin schwierig sein an den Ort zu kommen, an denen sie derartige Gewalterfahrungen machen mussten. Die bisherigen Sicherheitsanordnungen sind abgestumpft und tragen nicht zur Bewältigung der Ängste bei.

Wir fordern den FSV Luckenwalde dazu auf, das Sicherheitskonzept zu überdenken und schnellstmöglich zu handeln. Es gibt kein Anlass dafür eine Bedrohungskulisse aufzubauen oder ein Gefahrenpotenziel herauf zu beschwören. Es soll für alle Nulldrei Fans ein Angstfreies Spiel und Spieltagserlebnis werden.

Der Fanbeirat

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Interview mit Christian Lippold zur „Schande von Luckenwalde“

Christian Lippold ist Mitglied des Vorstands von Nulldrei und seit 2014 Sicherheitsbeauftragter. Zuvor war er 11 Jahre Fanbeauftragter. Ein Jahr nach der „Schande von Luckenwalde“ traf sich der Fanbeirat mit Christian Lippold, um mit ihm über die Vorkommnisse am 28.05.2016 zu reden.

Christian Lippold, welche Aufgaben hat der Sicherheitsbeauftragte des SVB? Grundsätzlich ist der Sicherheitsbeauftragte eines Vereins für die saubere und problemfreie Abwicklung des Spieltags im eigenen Stadion zuständig. Das umfasst im Vorfeld die Kommunikation mit dem Gastverein im Hinblick auf erwartete Zuschauerzahlen, Abstimmung von Fanutensilien und generellen Fanbelangen sowohl mit den Vertretern des Gastvereins als auch den Fanvertretern der eigenen Fanszene, die Organisation von Personal (Ordnungsdienst, Kassenkräfte), die Abstimmung mit der Polizei und dem Verband. Am Spieltag gilt es dann, das Geplante umzusetzen, den Kontakt zu den einzelnen Protagonisten im Stadion zu halten und wenn nötig einzugreifen. Bei uns gestaltete sich dies anfangs etwas komplizierter, weil mit dem Abgang von Hartmut Streich auch der bis dato agierende Sicherheitsdienst Securitas „keinen Bock mehr auf uns hatte“ und damit auch der Einsatzleiter am Spieltag (Jens Müller) von einem Tag auf den anderen nicht mehr zur Verfügung stand. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren, aber der zeitliche Zusammenfall mit dem Wechsel des Sicherheitsbeauftragten ist ziemlich offensichtlich. Somit musste eine komplett neue Ordnungsgruppe initiiert werden, was wir als Chance nutzen wollten, die Mischung aus Vereins- und gewerblichen Ordnern aufzuheben und im Heimbereich fortan ausschließlich auf Vereinsordner zu setzen. Nach mittlerweile fast drei Jahren, kann ich sagen, dass ich mit der Umsetzung ziemlich zufrieden bin. Bei Auswärtsspielen stelle ich dem gastgebenden Verein die zu erwartenden Zuschauerzahlen zur Verfügung, was unter intensiver Abstimmung (u.a. Fanprojekt und Fanbeirat) erfolgt. Auch obliegt mir die Verantwortung, inwieweit wir Ordner mit zum Auswärtsspiel schicken.

Warum hat der SVB beim Pokalfinale die Verantwortung für den Gästeblock übernommen? Aus Ihrer Beschreibung klingt das nicht nach dem normalen Vorgehen? Das ist korrekt. Für die Absicherung des Gästeblockes ist immer und ausschließlich der Heimverein zuständig. Allerdings haben wir bereits im Punktspiel gegen Luckenwalde (wie auch schon zuvor einmal in Rathenow) eine Eigenverantwortung im Gästeblock übernommen. Bei Luckenwalde ist der Grund, dass dort für den Gästeblock standardmäßig Personal von OSD – dem Sicherheitsdienst von Energie Cottbus – geordert wird. Ohne den dort handelnden Personen etwas unterstellen zu wollen, sahen wir grundsätzlich die Gefahr, dass bei OSD eingesetzte Personen aus dem Ultra-Umfeld von Energie, vor dem Gästeblock agieren könnten. Dies wollten wir verhindern, was beim Punktspiel ja auch problemlos funktioniert hat.

Welche Verantwortung muss sich der SVB generell und vor Allem Sie sich selbst für die Geschehnisse in Luckenwalde zurechnen lassen? Wo sind von Ihnen Fehler gemacht worden? Grundsätzlich muss man sagen, dass bei uns im Vorstand jeder sein eigenes Fachgebiet „beackert“. Von daher muss ich alles, was mit dem Spiel direkt zu tun hat, auf meine Kappe nehmen. Und sicher gibt es im Nachhinein eine ganze Menge Dinge, die es zu hinterfragen gilt – was ich auch intensiv getan habe. Da wäre zum einen natürlich generell die Frage, inwieweit es sinnvoll war, bei einem Spiel, was allein aufgrund der Zuschauerzahl nicht mit dem Punktspiel vergleichbar war, die Absicherung des Gästeblockes zu übernehmen. Gerade im Hinblick auf die diffuse Gemengelage zwischen dem gastgebenden Verein, dem Verband und vor allem der Polizei hätte man auf eine Verantwortungsübernahme verzichten sollen. Auch weil wir dem FSV mehrfach angeboten hatten, das Spiel im Karli auszutragen. Eigentlich hat uns der Verlauf lange Recht gegeben, aber in der Gesamtbetrachtung muss ein Agieren auf fremden Terrain – gerade in Extremsituationen – als nicht zu verantworten eingeschätzt werden. Der sicherlich größte Fehler war, das Fanprojekt in der Spielvorbereitung außen vor zu lassen. Das war zwar kein bewusstes, sondern ein rein technisches Versäumnis, aber ich hätte die fehlende Kommunikation durch den FSV feststellen müssen. Auch wenn die Einschätzung des Verbandes hinsichtlich eines Platzsturm mit Hilfe des Fanprojektes auch nicht hätte geändert werden können, so hätte es zumindest eine bessere Vermittlung der Situation geben können. Die Frage selbst, ob wir als Verein mehr Druck auf den Verband hätten ausüben können, um ein abgesichertes Betreten des Spielfelds zu tolerieren, ist obsolet. Die Position war unumstößlich. Und auch, wenn es im Nachgang absurd klingen mag, das einzige, was wir in dieser Diskussion rausholen konnten, war, dass wir das Betreten des Platzes mit unseren Ordnern und nicht wie gefordert durch eine Polizeikette vor dem Block verhindern wollten. Das genau das im Endeffekt dann doch passiert ist, wird sicher von vielen als die wirkliche Schuld gesehen. Losgelöst betrachtet ist das auch so und ich hätte mich sicher deutlich weniger erklären müssen, wenn ich in dieser Situation anders, also gar nicht gehandelt hätte. Es wird niemals jemand aufklären können, wie es gekommen wäre, wenn ich nicht agiert hätte, daher kann ich nur immer wieder die Ausgangslage schildern, die zu der Entscheidung geführt hat. Inwieweit ein anderes Vorgehen ein weniger, vielleicht aber auch noch schlimmeres Resultat hervorgebracht hätte, muss jeder für sich selbst ausmachen. Fakt war, dass der Verband auch in der Halbzeitpause noch einmal auf Nachfrage der Polizei klargemacht hat, dass ein Betreten des Platzes mit allen Mitteln verhindert werden muss. So sehr wir auch darauf bestanden, dass wir die Situation ohne Polizeikräfte in den Griff bekommen wollten, so sicher war uns, dass sobald wir dies nicht schaffen würden, die an den diagonalen Mundlöchern postieren Bereitschaftskräfte eingreifen würden. Als sich nun zum Spielende abzeichnete, dass es doch vermehrt zum Betreten des Platzes kommen würde, war auch klar, dass wir diesbezüglich auch nicht mehr befragt werden würden. Daher war der Plan, einen Teil der Polizeikräfte sichtbar am Anfang der Gegengerade zu platzieren, um den Fans die drohenden Konsequenzen einer Platzbetretung zu verdeutlichen. Dass die Kommunikation in dem Moment ins Leere lief, weil der Zugführer sich weigerte auf mich zu reagieren und im Endeffekt entgegen meiner Aufforderungen nicht entspannt am Anfang des Blockes, sondern in Vollmontur direkt vor den feiernden Fans Stellung bezog, war neben der Frage, ob der Plan überhaupt Erfolgsaussichten hatte, dann auch noch in der Umsetzung eine Katastrophe. Aber ich hatte auch keine Ahnung, dass – sobald ich die Polizei mit ins Spiel nehme – ich meine eigene Hoheit vor dem Block verloren hatte. Das mag zwar für den polizeikritischen Fußballfan nicht überraschend sein, für mich – der ich im heimischen Karli ganz anders mit der Polizei kooperieren kann – aber schon. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war mein Handeln nur noch betäubtes Reagieren, hilflos und machtlos.

Entschuldigen Sie Sich dafür bei den verletzten und traumatisierten Fans? Natürlich bedauere ich es zutiefst, dass an diesem Tag eine extrem hohe Zahl an Unschuldigen direkt durch Gewalteinwirkung oder aber auch allein durch das Erlebte teilweise andauernden Schaden genommen haben. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass ich mit der Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen, ja genau das Gegenteil erreichen wollte. Und auch, wenn ich nicht weiß, zu welchem Ergebnis ein anderes Vorgehen geführt hätte, so muss ich mir doch die Tatsache, dass die Polizei direkt vor dem Gästeblock Stellung bezogen hat, grundsätzlich zurechnen lassen.

Steht der Verein bei der Aufarbeitung der Schande von Luckenwalde hinter seinen Fans? Wenn ich jetzt sage Ja, werden alle im Hinblick auf die gemeinsame Presserklärung abwinken. Ich meinte eigentlich, dass Archibald Horlitz in seinem Video-Interview mit Nulldrei-TV deutlich gemacht hat, was er mit dieser Stellungnahme erreichen wollte. Und auch, wenn der Aufschrei seitens der Fans verständlich ist und sein Plan im Hinblick auf den Innenausschuss nicht aufging, so muss man auch sagen, dass die Bereitschaft seitens der Polizei, die Vorkommnisse so intensiv zu untersuchen, ohne dieses anfängliche Zusammenrücken von Horlitz und Meyritz eventuell nicht passiert wäre. Für viele wird sich das nach einem taktischen Geplänkel auf dem Rücken der Fans anhören und mir ist diese Stellungnahme auch bereits mehrfach auf die Füße gefallen, aber ich habe eben auch noch nie zuvor erlebt, dass ein Direktionsleiter Verantwortung für einen Polizeieinsatz in seinem Gebiet übernimmt und Verfehlungen einräumt. Trotzdem war durch die Erklärung der ursprünglich verabredeten gemeinsamen Aufarbeitung zwischen Fans, Fanprojekt und Verein die Tür versperrt. Der Verein schien sich auf die Seite der „Angreifer“ geschlagen zu haben. Dabei ist unsere eigentliche Position irgendwo zwischen den Stühlen. In Einzelgesprächen gab es immer Verständnis für das Agieren des Vereins, nach Außen wurde aber immer wieder mit Forderungen agiert. In diese Gemengelage mischt sich die Tatsache, dass zwar seitens des Vereins auf der Infoveranstaltung im Juni 2016 das eigenen Handeln hinterfragt wurde und Kritik angenommen wurde, aus der Fanszene aber bis heute kein Reflektieren des eigenen Vorgehens an diesem Tag zu vernehmen ist. Ohne jetzt mit dem Finger auf andere zu zeigen, glaube ich einfach, dass es dazugehören sollte, die Geschehnisse vorbehaltsfrei zu analysieren und dazu gehört es nach meinem Empfinden eben auch, erst einmal vor der eigenen Tür zu kehren und dann anzuprangern. Das hätte ich mir zumindest so vorgestellt. Aber davon mal abgesehen, hat gerade Archibald Horlitz im Nachgang überall versucht, die Verfehlungen der Polizei offenkundig zu machen und vor allem die Ausführungen von Backhaus im Innenausschuss und die damit verbundenen Vorwürfe gegen die Fanszene zu widerlegen. Auch sind wir mit Betroffenen im Kontakt, die sich mittlerweile mit Strafanträgen konfrontiert sehen und versuchen da entsprechende Unterstützung zukommen zu lassen. Und wir sind sensibel genug – auch das gehört dazu – auf die Forderungen der Fans einzugehen, Maik Dittmann vorerst nur bedingt bei Auswärtsspielen einzuplanen. Und das, obwohl die von den Fans ihm zugerechnete Verantwortung für den Polizeieinsatz falsch ist. Sowohl Grundidee als auch Umsetzung war auf meinem „Mist gewachsen“, er hat mir nur den Zeitpunkt geliefert.

Welche Konsequenzen haben Sie für sich persönlich aus der Schande von Luckenwalde gezogen? Dass ich diese Funktion nicht lange ausüben werde. Und natürlich, dass wir nie wieder in einem fremden Stadion mit fremden Einsatzleitern eine hausrechteähnliche Verantwortung übernehmen.

In Luckenwalde wurden hunderte Nulldrei-Fans traumatisiert. Wie geht der Vorstand damit um? Es ist schwer, da durch den Vertrauensverlust nach der Erklärung der Verein sicher nicht die erste Adresse für einen Hilferuf ist. Ich hatte Ende letzten Jahres in einem Austausch mit nur03* zugesagt, dass wir im Karli eine Veranstaltung zum Thema durchführen können und sind mittlerweile dabei, den Fanbeirat bei der Organisation und Durchführung zu unterstützen. Das kann auch nur auf diesem Weg passieren, da wir weder die Kompetenz haben, uns dem Thema selbst zu widmen, als auch und vor Allem gar nicht frei von dem selbst Erlebten sind. Auch wir – und damit meine ich neben mir auch vor allem unsere Ordner – haben dort Dinge mit ansehen und erleben müssen, die in vieler Hinsicht Narben hinterlassen haben.

Was haben die Vorfälle von Luckenwalde für eine Auswirkung auf Ihre Zusammenarbeit mit der Polizei und auf welche Konsequenzen müssen/dürfen sich Nulldrei-Fans einstellen? Als erstes muss vorausgeschickt werden, dass wir als Verein mit der Potsdamer Polizei sowie der zuständigen Polizeidirektion West in den letzten Jahren eine sehr professionelle Zusammenarbeit entwickelt haben. Gerade was die Frage der Zuständigkeit im Stadion anbelangt, dürften uns viele Vereine in der Liga beneiden. (Da brauche ich nur an den letzten Sonntag in Berlin denken.) Ich musste aber in Luckenwalde lernen, dass die im Karli gelebte Praxis eben nicht landesweite Normalität ist. Um daher zumindest für die Heimspiele das Erreichte zu festigen, hatten wir relativ zeitnah im letzten Sommer unter Einbeziehung von Fanprojekt und Fanbeirat potentielle Szenarien mit der Polizei durchgesprochen und geprüft, welche Konsequenzen aus den unterschiedlichen Vorfällen resultieren können. Dabei wurde noch einmal klar herausgestellt, dass die Hauptverantwortung für den Schutz des Objekts (Stadion + Einlassbereich) beim Verein liegt. Lediglich bei Straftaten oder wenn wir selbst darum bitten, greift die Polizei ein. Auch haben wir deutlich gemacht, dass es wenig hilfreich sein kann, die in Luckenwalde eingesetzten Kräfte aus Frankfurt/Oder in naher Zukunft zu einem Spiel mit Nulldrei-Beteiligung hinzuzuziehen. Zumindest bei den Heimspielen habe ich die Hoffnung, dass uns das erspart bleibt.

Dieses Interview erschien im Ultra Unfug #245 zum Heimspiel gegen Energie Cottbus.

Offener Brief an PD Schiewe 23.03.2017

Sehr geehrter Herr Schiewe,

mit dieser E-Mail nehmen wir Bezug auf Ihr Gesprächsangebot, welches Sie uns im Rahmen der 15-Jahre-Feier des Fanprojekts im Dezember 2016 Feier unterbreiteten.
Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir uns entschieden haben, dieses Angebot nicht wahrzunehmen. Sofern wir Sie richtig verstanden haben, sollte es in dem Treffen inhaltlich um die Grundlagen ihrer polizeilichen und unserer ehrenamtlichen Arbeit gehen. Für diesen Austausch sehen wir momentan keinen Bedarf, da Sie uns die Grundlagen Ihrer Arbeit bereits bei der Sicherheitskonferenz in der Sommerpause 2016 erklärt haben. Wir haben diese verstanden, protokolliert und an die Fans weitergegeben. Allzu viel Grundsätzliches wird sich seitdem ja sicher nicht geändert haben. Die Grundlagen unserer Arbeit haben wir auf eben jener Feier dargelegt. Falls Sie dazu noch Fragen haben, zögern Sie nicht, uns im Rahmen eines der nächsten Sicherheitsgespräche anzusprechen.

Ein weiterer Grund für die Nichtteilnahme sind die immer noch nicht komplett öffentlich aufgearbeiteten Vorfälle vom Pokalfinale in Luckenwalde. Auch wenn wir es Ihnen hoch anrechnen, dass Sie als Einziger von Polizeiseite aus Stellung zu unserem Dossier nahmen – und das obwohl Sie beim Einsatz nicht einmal direkt beteiligt waren – haben wir einfach keine Lust mehr auf informelle Gespräche. Stattdessen fordern wir eine öffentliche Stellungnahme, gern auch in Form einer Pressemitteilung, die folgende offene Fragen klärt:

• Wir erwarten von der Polizei Brandenburg, dass endlich die Zahlen zu den verletzten Fans überprüft und korrigiert werden. Es muss endlich anerkannt werden, dass es eine sehr viel höhere Zahl an durch Reizgas verletzte Personen sowie einige schwerverletzte Fans gab. Die Öffentlichkeitsfahndung nach einem vermeintlich schwerverletzten Fan bestätigt diese indirekte Korrektur der Zahlen bereits. Hier fehlt aber eine explizite und öffentliche Entschuldigung für die Verbreitung falscher Zahlen und Korrektur derselben.

• Wir wollen endlich wissen, gegen wie viele Beamte genau und wegen welcher Straftatbestände ermittelt wird. In bilanzziehenden Presseerklärungen wird regelmäßig nach Fußballspielen veröffentlicht, gegen wie viele Personen auf Grundlage welcher vermeintlicher Straftaten vorgegangen wurde. Im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Polizist*innen fehlen diese Angaben. Es ist deshalb völlig unklar, ob auch gegen jene Beamte ermittelt wird, die exzessiv und durch nichts gerechtfertigt Reizgas versprüht haben. Darüber hinaus ist nicht bekannt, ob die gewalttätigen Beamten, die so viele Fans verletzt und traumatisiert haben, weiterhin im Einsatz sind und eventuell auch bei Spielen des SV Babelsberg 03 eingesetzt werden. Das heißt, bei jedem Kontakt mit Bereitschaftspolizist*innen müssen die Fans davon ausgehen, dass sie erneut mit jenen Beamten konfrontiert sind, die sie in Luckenwalde verprügelt und mit Reizgas eingesprüht haben. Für eine echte Aufarbeitung sind Informationen zu den Tatbeständen, den daraus folgenden Ermittlungen sowie mögliche dienstrechtliche sowie strafrechtliche Konsequenzen für die Beamten unumgänglich.

An dieser Stelle möchten wir betonen, dass wir die Arbeit mit Ihnen als äußerst konstruktiv und produktiv empfinden. Außerdem haben sie Teile der Fragen bereits in persönlichen Gesprächen beantwortet. Wenn Sie also ein weiteres Treffen mit uns wünschen, müssen auch die oben genannten Punkte diskutiert werden und die Antworten darauf veröffentlicht werden. Bevorzugen würden wir aber weiterhin ein proaktives Handeln Ihrerseits und eine öffentliche Stellungnahme der Polizei Brandenburg zu den von uns aufgeworfenen Fragen.

Freundliche Grüße

Fanbeirat Babelsberg

Offener Brief an Hans-Jürgen Scharfenberg (LINKE)

Sehr geehrter Herr Scharfenberg,

mit großer Verwunderung haben wir Ihre Äußerung in der Märkischen Allgemeinen vom 04.11.2016 vernommen. Dort behaupten Sie, dass sich das „Verhältnis zwischen Polizei und Babelsberg-Anhänger(n) offenbar wieder verbessert“ (1) hat.

Uns als Fanbeirat Babelsberg – ein durch die Fans des SV Babelsberg 03 gewähltes Gremium zur Interessenvertretung – stellt sich die Frage, wie Sie zu dieser Einschätzung gelangen? Unseres Wissens nach haben Sie weder aktiv Kontakt zu uns als Vertretung noch zu Fangruppen des Vereins gesucht. Dies ist umso bemerkenswerter, da die politische Aufarbeitung der Polizeigewalt beim Pokalfinale in Luckenwalde weiterhin mangelhaft ist. Alles in allem sind wir über Ihre anscheinend aus der Luft gegriffene Äußerung enttäuscht.
Sehr gern wiederholen wir aber auch nun unser Angebot, Ihnen und dem Innenausschuss des Landes Brandenburg unsere Aufarbeitung persönlich vorzustellen.

Sie erreichen uns per Mail unter fanbeirat_babelsberg@arcor.de.

Mit freundlichen Grüßen
Fanbeirat Babelsberg

(1) http://www.maz-online.de/Brandenburg/Pokalfinale-Polizisten-haben-Vorschriften-missachtet

Zur Aufarbeitung der Ereignisse in Luckenwalde durch die Polizeidirektion West

Am 13. Oktober, einen Tag nachdem das Landeskriminalamt Eberswalde eine Öffentlichkeitsfahndung nach einem vermeintlich schwerverletzten Babelsberg-Fan startete, erhielt der SV Babelsberg 03, der Fanbeirat und das Fanprojekt Babelsberg einen Brief vom Polizeidirektor der Polizeidirektion West Karsten Schiewe (pdf Kopie des Briefes). Darin äußert sich erstmals relativ ausführlich, aber leider informell ein leitender Beamter zum Dossier „28. Mai 2016 – Polizeigewalt in Luckenwalde“ sowie zur Demonstration in Erinnerung an die „Schande von Luckenwalde“ am 7. Oktober 2016 vor dem Achtelfinale im Brandenburger Landespokal.

Der Fanbeirat ist ein aus der Fanszene gewähltes Gremium, welches sich als Ansprechpartner für die Fans, den Verein und die Behörden versteht. Auch wenn wir Fans des SVB sind und unser Beirat verschiedene Fan-Gruppen vertritt, möchten wir darauf hinweisen, dass wir nicht für alle Fans sprechen können. Genauso wenig stehen wir für alle Betroffenen von Gewaltverbrechen sowie die Traumatisierten beim Pokalfinale in Luckenwalde. Wir haben uns deshalb entschieden, da im Brief von PD Schiewe explizit die „Fans des SV Babelsberg 03“ angesprochen wurden, den Betreffenden das Schreiben nicht vorzuenthalten und veröffentlichen es hiermit.

Bereits in der Vergangenheit zeigte sich PD Schiewe gesprächsbereit, wollte sich zu konkreten Vorfällen in Luckenwalde allerdings nicht äußern. Nun nimmt er erstmals Bezug darauf, hält aber weiterhin an den diffamierenden und zu hinterfragenden Behauptungen fest. Dabei sind diese durch das Dossier und vor allem durch die ebenfalls veröffentlichte Video-Dokumentation der Polizeigewalt eindeutig widerlegt. Daher möchten wir dem Brief von PD Schiewe unseren Kommentar voranstellen. Außerdem wollen wir unsere im Dossier formulierten Forderungen um vier weitere Punkte ergänzen und so auf die aktuellen Entwicklungen Bezug nehmend konkretisieren.

  1. Wir erwarten von der Polizei Brandenburg, dass endlich die Zahlen zu den verletzten Fans überprüft und korrigiert werden. Es muss endlich anerkannt werden, dass es eine sehr viel höhere Zahl an durch Reizgas verletzte Personen sowie einige schwerverletzte Fans gab. Die Öffentlichkeitsfahndung nach einem vermeintlich schwerverletzten Fan bestätigt diese indirekte Korrektur der Zahlen bereits. Hier fehlt aber eine explizite und öffentliche Entschuldigung für die Verbreitung falscher Zahlen und Korrektur derselben.
  2. Wir fordern weiterhin, dass die Polizei auf den Einsatz von Reizgas im Stadion und in großen Menschenmengen verzichtet. Die Ereignisse in Luckenwalde beweisen erschreckend, dass beim exzessiven Einsatz von Reizgas zwangsläufig eine sehr große Zahl von Menschen betroffen ist und so Panik, Angst und Traumatisierungen bewusst riskiert werden. Der Einsatz steht deshalb in keinem Verhältnis zum Ziel, ist durch nichts zu rechtfertigen und sollte deshalb unterlassen werden.
  3. Wir weisen erneut nachdrücklich darauf hin, dass in Luckenwalde dutzende Menschen nicht nur verletzt, sondern auch traumatisiert wurden. Dies beweisen die bekannten offenen Briefe sowie die zahlreichen Augenzeugenberichte, die vor allem die Panik, die Angst und die Verzweiflung der Fans schildern. Hierbei ist zu beachten, dass jene Fans, die weiterhin zum Fußball gehen, an jedem Spieltag durch den Anblick gepanzerter und uniformierter Bereitschaftspolizisten an die vermummten Gewaltverbrecher in Luckenwalde erinnert und so womöglich re-traumatisiert werden können. Aus diesem Grund erwarten wir von der Polizei Brandenburg die traumatisierten Betroffenen endlich als Teil der Opfer von Polizeigewalt zu betrachten. Damit muss ausdrücklich eine Änderung im Verhalten gegenüber den Fans einhergehen. Dazu gehört zunächst diese Gruppe Betroffener explizit zu benennen, in den Einsatzbesprechungen dieses Thema zu reflektieren sowie auf re-traumatisierendes Verhalten im Umgang mit den Babelsberg-Fans zu verzichten.
  4. Wir wollen endlich wissen, gegen wie viele Beamte genau und wegen welcher Straftatbestände ermittelt wird. In bilanzziehenden Presseerklärungen wird regelmäßig nach Fußballspielen veröffentlicht, gegen wie viele Personen auf Grundlage welcher vermeintlicher Straftaten vorgegangen wurde. Im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Polizisten fehlen diese Angaben. Es ist deshalb völlig unklar, ob auch gegen jene Beamte ermittelt wird, die exzessiv und durch nichts gerechtfertigt Reizgas versprüht haben. Darüber hinaus ist nicht bekannt, ob die gewalttätigen Beamten, die so viele Fans verletzt und traumatisiert haben, weiterhin im Einsatz sind und eventuell auch bei Spielen des SV Babelsberg 03 eingesetzt werden. Das heißt, bei jedem Kontakt mit Bereitschaftspolizisten müssen die Fans davon ausgehen, dass sie erneut mit jenen Beamten konfrontiert sind, die sie in Luckenwalde verprügelt und mit Reizgas eingesprüht haben. Für eine echte Aufarbeitung sind Informationen zu den Tatbeständen, den daraus folgenden Ermittlungen sowie mögliche Konsequenzen für die Beamten unumgänglich.

Kommen wir nun zum Inhalt des Briefs selbst und den darin enthaltenen, weiterhin aufrechterhaltenen, widerlegten beziehungsweise problematischen Behauptungen.

PD Schiewe beschreibt ausführlich, dass „auch nichtpolizeiliches Foto- und Videomaterial […] in einem wirklich immensen Umfang gesichtet und ausgewertet“ wurde. Interessant ist hierbei nicht der Hinweis, dass dies „unter objektiven Gesichtspunkten durchgeführt“ wurde, sondern dass die Polizeidirektion West und damit die Direktion, der die betreffenden Beamten und mutmaßlichen Gewaltverbrecher zugeordnet sind, für die Sichtung, die Analysen und Auswertungen verantwortlich waren. Dass „nichts unter den Tisch gekehrt“ wurde, mag für PD Schiewe selbstverständlich sein. Es bleibt aber auch aufgrund der Intransparenz zumindest ein fader Beigeschmack, da schließlich die Institution der mutmaßlichen Täter die volle Kontrolle über das Material und die Ermittlungen hat. Diese Praxis, egal wie objektiv sie auch sein möge, muss dringend überdacht werden. Im Ergebnis sollte, wie wir es in unseren Forderungen bereits formuliert haben, eine externe und vor allem unabhängige Vertrauensstelle für Beschwerden gegen polizeiliches Handeln eingerichtet werden.

Nicht minder bedenklich ist in diesem Zusammenhang auch der süffisante Hinweis, dass es für die gesetzeswidrige Vermeidung der Kennzeichnung „nachvollziehbare Gründe“ gegeben haben soll. Wir fragen uns, was diesen offenbar bewusst begangenen Rechtsbruch rechtfertigen könnte. Fatal ist hierbei übrigens auch, welche Respektlosigkeit gegenüber den Gesetzen im Allgemeinen und dem Polizeigesetz im Besonderen zu Tage tritt. Schließlich ist es die Grundlage polizeilichen Handelns und vor allem des in Luckenwalde exzessiv ausgeübten Gewaltmonopols des Staates. Im Grunde sollte gegen jene, die den Verzicht auf die Kennzeichnung angeordnet, toleriert und schließlich gerechtfertigt haben, aufgrund eines besonderen öffentlichen Interesses ebenfalls ermittelt werden.

Bezüglich des exzessiven Einsatzes von Reizgas gegen Fans bedauert PD Schiewe zwar, dass auch „Unbeteiligte durch die Reizstoff-Einwirkung betroffen waren“, betont aber, dass „der Einsatz des Reizstoffes zielgerichtet nur gegen Fans erfolgte, die durch ihr Handeln Rechtsbrüche begangen haben bzw. unmittelbar zur Schädigung herausgehobener Rechtsgüter ansetzten“. Worin diese Rechtsbrüche genau bestanden haben und welche schützenswerten Rechtsgüter verletzt worden sein sollen, wird nicht genannt. Genauso wenig wird erklärt, dass auch in unmittelbarer Nähe von Versorgungspunkten der Verletzten Reizgas eingesetzt wurde. Welchen Rechtsbruch haben diese Personen begangen? Darüber hinaus stellt sich die Frage, wenn nur zielgerichtet „Reizstoff“ eingesetzt wurde, warum so viele – das Fanprojekt zählte 128 durch Reizgas verletzte Fans – „Unbeteiligte“ betroffen waren. Ist der Einsatz dementsprechend nicht grundsätzlich zu hinterfragen, wenn vor allem in großen Menschenmengen nicht verhindert werden kann, dass sehr viele Unbeteiligte verletzt werden können?

In einem längeren und umfangreichen Absatz lobt PD Schiewe die intensive, konstruktive sowie offene und transparente Zusammenarbeit zwischen Verein, Fans und Polizei. In Bezug auf Spiele in Babelsberg mag dies sicher zutreffend sein. Bezogen auf die Vorfälle in Luckenwalde scheint hier aber der Wunsch eher als die Realität der Vater des Gedankens zu sein. Schließlich gab und gibt es bis heute keine öffentliche Aufarbeitung der Polizeigewalt in Luckenwalde. Von Offenheit und Transparenz kann mitnichten die Rede sein. Eine Zusammenkunft zwischen Vertretern des Vereins, der Fans und der Polizei außerhalb der Saisonvorbereitungs- und Sicherheitsgespräche vor den Spieltagen hat zu keinem Zeitpunkt stattgefunden. Die Polizei, der Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) und die Vereine haben ihre die Babelsberg-Fans diffamierende Erklärung vom 31. Mai 2016 bis heute nicht revidiert.

Die Ereignisse müssen fünf Monate nach der „Schande von Luckenwalde“ schonungslos aufgearbeitet werden – ohne untaugliche Relativierungen. Informelle Gespräche und Ankündigungen durch die Polizei und Verantwortliche des SV Babelsberg 03 sind angesichts der schockierenden Vorkommnisse und den nicht abzusehenden Nachwirkungen unzureichend. Wir möchten deshalb erneut an beide Vereine, den FLB und auch an die Polizei appellieren, endlich Verantwortung für den durch nichts zu rechtfertigenden Angriff auf Nulldrei-Fans zu übernehmen.

Der „Fanbrief“ liegt nur als pdf-Dokument vor und kann hier nachgelesen werden.

  Unsere Reaktion kann als pdf-Dokument hier heruntergeladen werden.

Pressemitteilung zur Veröffentlichung des Dossier „28. Mai 2016 – Polizeigewalt in Luckenwalde“

12. September 2016, Babelsberg. 155 verletzte Fans, Dutzende Traumatisierte – die Geschehnisse am Ende des jüngsten Pokalfinales in Luckenwalde sind bei vielen Anhängern des SV Babelsberg 03 unvergesslich. Ihr Team erzielte wunderschöne Tore und gewann mit 3:1 gegen den FSV 63 Luckenwalde. Damit zog der Verein erstmals nach fünf Jahren wieder in den DFB-Pokal ein. Doch die Fans erinnern sich an diesen Tag vor allem, weil behelmte, größtenteils vermummte und teilweise ungekennzeichnete Polizisten ihre fröhliche Feier zerstörten. Sie setzten massiv Pfefferspray ein, traten und schlugen auf Fans ein. Mit der heutigen Vorlage eines umfassenden Dossiers zu diesem „Polizeieinsatz“ fordern Fanvertreter endlich die Aufklärung und Konsequenzen aus der exzessiven Gewalt der Beamten am 28. Mai 2016.

„Wir warten bis heute auf die umfassende Aufarbeitung der Vorkommnisse“, sagt Max Hennig, Mitglied im Fanbeirat des SV Babelsberg 03. „Vor allem die Betroffenen, die vielen verletzten und traumatisierten Nulldrei-Fans haben ein Recht darauf, endlich wahrgenommen zu werden“, erklärt Hennig weiter. „Sie wollen, dass den falschen Zahlen und Unwahrheiten über sie, die seit Monaten von der Polizei und dem Innenministerium verbreitet werden, endlich widersprochen wird“, betont Hennig. Deshalb habe sich der Fanbeirat, ein aus der Fanszene gewähltes Gremium, entschieden zusammen mit dem Netzwerk zur Unterstützung repressionsbetroffener Nulldreier*innen (nur03*) ein Dossier zu den Ereignissen zu erstellen.

„Da die Behörden sich seit Monaten weigern die unverhältnismäßige Eskalation und die exzessive Gewalt gegen Babelsberg-Fans aufzuarbeiten, sind wir aktiv geworden“, ergänzt Hannes Ulk von nur03*. Dazu wurden Fotos sowie Videos gesichtet und mit Augenzeugen gesprochen. „Es hat sehr viel Kraft gekostet, dieses Material zu ordnen und in eine nachvollziehbare Form zu bringen. Viele von uns waren selbst Betroffene. Deshalb ist es uns nicht leicht gefallen, das Erlebte durch die Geschichten der Betroffenen und Augenzeugen immer wieder neu durchzumachen. Aber wir wollten die Aufarbeitung aus der Perspektive der Betroffenen ermöglichen und mit diesem Dossier eine umfassende Dokumentation zu den Ereignissen in Luckenwalde vorlegen“, erläutert Ulk die Arbeit. Die Initiative nur03* beobachtet bei jedem Spiel des SV Babelsberg 03 das Verhalten und die Maßnahmen der Polizei.

Die vorliegende Chronologie der Ereignisse formuliert auch Forderungen an die Polizei, das Innenministerium des Landes Brandenburg beziehungsweise den Innenminister Karl-Heinz Schröter, den Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) sowie die Vereine SV Babelsberg 03 und FSV 63 Luckenwalde. „Wir verlangen, dass die Ereignisse in Luckenwalde umfassend aufgearbeitet werden und es Konsequenzen für die Einsatzleitung und die gewalttätigen Polizeibeamten gibt. Darüber hinaus erwarten wir eine Entschuldigung der Polizei bei den Betroffenen und die Klarstellung der wahrheitswidrigen Behauptungen“, so Hennig. „Wir fordern ebenso die strikte Einhaltung der bestehenden Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte. Reizgas darf nicht länger im Stadion oder in anderen großen Menschenmengen eingesetzt werden. Zudem muss endlich eine externe Vertrauensstelle für Beschwerden gegen polizeiliches Handeln eingerichtet werden“, ergänzt Ulk.

Das Dossier kann Online hier nachgelesen werden: http://nur03.de/dossier-luckenwalde/

Der Download als pdf-Dokument ist hier möglich: http://nur03.de/wp-content/uploads/2016/09/Polizeigewalt_in_Luckenwalde_Online.pdf

Aktuell kann der Videozusammenschnitt der Polizeigewalt hier angeschaut werden:

Für Anfragen wenden Sie sich bitte an den Fanbeirat Babelsberg unter fanbeirat_babelsberg [ät] arcor [punkt] de oder an das Netzwerk zur Unterstützung repressionsbetroffener Nulldreier*innen (nur03*) unter info [ät] nur03 [punkt] de.

Gegen polizeiliches Fehlverhalten rechtlich vorgehen.

Ihr möchtet nach der Polizeigewalt in Luckenwalde rechtlich aktiv werden? Hier einige Möglichkeiten um die Cops belangen zu können.

Strafanzeige
Wenn ihr durch Polizeibeamte im Laufe aktueller Vorkommnisse verletzt wurdet oder strafrechtlich Relevantes beobachten konntet, habt ihr die Möglichkeit gegen diese strafrechtlich vorzugehen. Der Weg hierfür ist eine Strafanzeige. Beim Stellen einer Strafanzeige gegen Polizeibeamte müsst ihr einige Punkte beachten, die wir kurz für euch zusammengefasst haben. Ihr müsst nicht selber durch die Polizei geschädigt worden sein, schon die Beobachtung von beispielsweise unterlassener Hilfeleistung kann zur Strafanzeige gebracht werden.
Jedoch ist der Polizeieinsatz als solcher nicht durch eine Strafanzeige angreifbar. Hier müssen konkrete strafrechtliche Taten durch einzelne oder mehrere Personen benannt werden. Letztlich raten wir euch im Zweifelsfall euch immer durch eine/n Anwalt/Anwältin beraten zu lassen.

Wo stelle ich die Strafanzeige?
Ihr könnt Strafanzeigen bei Polizei wie Staatsanwaltschaft stellen. Wenn ihr jedoch Anzeige gegen Polizeibeamte stellt macht es in jedem Fall Sinn diese direkt bei der Staatsanwaltschaft einzureichen. Zu stellen ist diese dann bei:

Staatsanwaltschaft Potsdam
Leitender Oberstaatsanwalt Junker
Vertreterin: Oberstaatsanwältin Müller – Lintzen
Jägerallee 10 – 12
14469 Potsdam

Was muss ich grundlegend beim Stellen einer Strafanzeige beachten?
Leider zeigt die bisherige Erfahrung, dass wenn ihr gegen Polizeibeamte Strafanzeige erstattet, die Polizei gegen euch ein Ermittlungsverfahren einleitet und ihr mit einer Gegenanzeige rechnen müsst! Allein eure Anzeige zeigt der Polizei, dass ihr an dem Tag und bei den Geschehnissen anwesend wart. Überlegt euch daher zum einen ob euch etwas strafrechtlich Relevantes vorzuwerfen ist und zum anderen ob ihr euch auf eine Gegenanzeige einlassen wollt. Die Folge einer Anzeige kann auch sein, dass ihr als Zeug/in geladen werdet.
Wenn ihr euch unsicher beim Stellen der Anzeige seid, könnt ihr euch zum einen an das Fanprojekt, den Fanbeirat und die Rechtshilfe Nur03 wenden. Generell können wir euch nur raten eine/n Anwalt/Anwältin beim Stellen einer Anzeige hinzuziehen. Insbesondere bei komplizierteren Sachverhalten ist dies sinnvoll. Euer Beistand ist dazu in der Lage, auch aus einem umfangreichen Sachverhalt die strafrechtlich relevanten Fakten herauszufiltern und in der Strafanzeige weiterzugeben. Damit kann den Ermittlungen von vorneherein die richtige Richtung gegeben werden. Der/die Anwalt/Anwältin wird den weiteren Gang des Verfahrens für euch überwachen und sich gegebenenfalls fortlaufend nach dem Verfahrensstand erkundigen. Nicht zuletzt kann es für euch auch einfach nur angenehmer sein in einer ruhigen und freundlichen Atmosphäre beim Anwalt/Anwältin eine Strafanzeige zu beauftragen anstatt sich persönlich mit der Staatsanwaltschaft auseinanderzusetzen.

Was muss ich in der Strafanzeige in jedem Fall mit angeben?

  • Gebt möglichst genau die Adresse des Tatortes an (WO).
  • Gebt auch so gut wie möglich das Datum und die Uhrzeit der Tat an (WANN).
  • Schildert den Tathergang möglichst genau (WIE).
  • Benennt möglichst genau den/die Täter (WER).
    Hierfür solltet ihr die Polizeibeamt/in, wenn möglich, möglichst gut beschreiben. Helfen kann euch hierbei, dass in Brandenburg eine individuelle Kennzeichnungspflicht besteht. Das heißt, jeder/jede Beamte muss eine individuelle Nummer auf der Uniform tragen um identifizierbar zu sein. Entweder wisst ihr diese Nummer schon oder könnt versuchen sie über Fotos zu ermitteln. Wenn ihr Fotos von dem/der Beamt/in habt, solltet ihr diese als Beweismittel beilegen. Beachtet aber unsere Hinweise zu Beweismaterial!
    Alternativ müsst ihr die Anzeige gegen unbekannte Polizeibeamte stellen.
  • Mögliche Zeugen benennen.
    Zeugen zu benennen ist generell gut und hilfreich. Diese müsst ihr mit vollständigem Namen und Adresse angeben. Beachtet, dass wenn ihr Personen als Zeug/in benennt, diese somit auch der Polizei als Anwesende bzw. Beteiligte bekannt werden. Außerdem sind Zeug/in in Verfahren zur Aussage verpflichtet und können diese nur Verweigern, wenn sie sich selber einer Straftat beschuldigen würden. Daher fragt Freunde oder Bekannte in jedem Fall vorher ob sie durch euch als Zeug/in in dem Verfahren benannt werden wollen.
  • Beweismaterial der Anzeige beifügen.
    Wenn ihr Beweismaterial wie Fotos, ärztliche Atteste oder Ähnliches besitzt, fügt dieses der Anzeige bei. In jedem Fall solltet ihr bei Anzeigen wegen Körperverletzung ein ärztliches Attest beilegen können. Ohne dieses sind Verletzungen vor Gericht später schwer zu belegen.
    Bei Beweismaterial wie Fotos oder Videos solltet ihr in jedem Fall abwägen ob diese andere Personen belasten! In jedem Fall solltet ihr vermeiden der Staatsanwaltschaft oder Polizei Material durch eure Anzeige zu liefern, das gegen andere Personen verwendet werden kann.

 

Ich kenne keinen Anwalt, was tun?
Das Fanprojekt oder der Fanbeirat vermitteln euch gerne Anwälte denen wir vertrauen. Kontaktiert uns einfach.

Fanprojekt Babelsberg

fanprojekt-babelsberg@stiftung-spi.de

+49.0.331 231 63 91 2

(Mo: 15-22 Uhr, Do: 14-21 Uhr)

Fanbeirat

fanbeirat_babelsberg@arcor.de

 

 

Dienstaufsichtsbeschwerde
Die Dienstaufsichtsbeschwerde ist ein formloser Rechtsbehelf, mit dem das persönliche Verhalten eines Beamten beziehungsweise Angestellten des öffentlichen Dienstes oder eines Richters gerügt wird. Ziel der Dienstaufsichtsbeschwerde ist es, dienstaufsichts-rechtliche Maßnahmen gegen diese Person zu veranlassen. Im aktuellen Fall richtet ihr die Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Einsatzleiterin, Frau X.
Die Dienstaufsichtsbeschwerde sollte den/die Polizeibeamtin, gegen den sie erhoben wird, benennen und das persönliche Fehlverhalten, das ihm zum Vorwurf gemacht wird, möglichst genau bezeichnen. Die Dienstaufsichtsbeschwerde wird vom Dienstvorgesetzten oder einem/r damit beauftragten Mitarbeiter/in seiner Dienststelle entgegengenommen, geprüft und abschließend beschieden.
Für die Erhebung einer Dienstaufsichtsbeschwerde sind keine Unterlagen erforderlich. Fristen sind nicht zu beachten. Es empfiehlt sich jedoch, eine Dienstaufsichtsbeschwerde zeitnah zum angegriffenen Verhalten des/der Beamt/in einzureichen.
Im Zusammenhang mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde fallen für euch keine Gebühren beziehungsweise Kosten an.

Ihr richtet die Dienstaufsichtsbeschwerde an:

Polizeipräsidium Polizeidirektion West
Direktionsleiter Peter Meyritz
Magdeburger Landstraße 11
14770 Brandenburg a. d. Havel